Saddams Drittes Reich

Die Nazi-Wurzeln der Baath-Partei

In der westlichen Welt herrscht der Eindruck vor, dass die Diktatur Saddam Husseins und anderer Despoten in der Tradition des Nahen Ostens begründet war. Deren eine Variante ist autoritär und passiv, die andere radikal und aktiv. Aus dieser Prägung heraus, so denkt man im Abendland, seien auch die so genannten politischen Parteien entstanden, auf die diese Willkürherrscher sich stützen. Die Wahrheit liegt ganz woanders.

Saddam Husseins Regime und die Baath-Partei haben ihre Wurzeln weder in der arabischen noch in der islamischen Geschichte. Sie sind ihrem Ursprung nach europäisch – möglicherweise die einzige erfolgreiche Übertragung europäischer Institutionen und Ideen in die islamische Welt. Die politische Tradition im Islam ist in der Tat autoritär, aber sie ist nicht diktatorisch, sondern im Gegenteil unvereinbar mit despotischer und willkürlicher Herrschaft. Dies spiegelte sich in der Vergangenheit sowohl in der Praxis als auch in der Theorie wider.

Die Amtsgewalt der Sultane und Kalifen alten Stils wurde nicht nur durch die Tradition, sondern auch durch den fest verwurzelten Mittelbau der Gesellschaft beschränkt, wie zum Beispiel die städtische Aristokratenschicht, den Landadel, das Militär und die religiösen Führer. Die Folge der Modernisierung war eine Stärkung des herrschenden Systems, dem nun ein ganz moderner Apparat an Überwachung, Indoktrination und Unterdrückung zur Verfügung stand. Gleichzeitig wurde der Mittelbau, dessen Funktion in der traditionellen Ordnung darin bestand, dem Herrscher wirksame Beschränkungen aufzuerlegen, geschwächt oder sogar beseitigt.

Die Entstehung des Typs von Diktatur, den Saddam Hussein repräsentierte, lässt sich bis zum Jahr 1940 zurückverfolgen. Nach der Kapitulation Frankreichs blieben die französischen Mandatsgebiete Syrien und Libanon unter der Kontrolle der Vichy-Regierung. Das hieß, sie waren dem Einfluss der Nazis ausgesetzt und wurden für deren Propaganda und Aktivitäten zu einem wichtigen Vorposten in der arabischen Welt. Zu den Nachfolgern gehörte die Vorläuferbewegung der Baath-Partei, die sich am Vorbild der Nazis und Faschisten orientierte: ein Großteil der nazistischen und faschistischen Ideologie wurde ins Arabische übertragen und sinngemäß übernommen. Für eine Weile wurde im Irak sogar ein nazifreundliches Regime unter Führung von Raschid Ali al-Gailani eingesetzt. Die Briten und ihre Verbündeten konnten dieses Regime stürzen, Gailani fand Zuflucht in Deutschland, wo er zusammen mit dem Hitler-freundlichen Mufti von Jerusalem bis zum Ende des Krieges blieb.

Die britische und generell die westliche Nachkriegsherrschaft in diesen Ländern blieb allerdings von kurzer Dauer. Das Dritte Reich war vergangen, aber dessen Funktion als Schirm- und Schutzherr der gegen den Westen gerichteten „gerechten Sache“ wurde von der Sowjetunion übernommen. Die Neuorientierung der Baath-Partei weg vom nazistischen Modell hin zum kommunistischen Modell erforderte lediglich geringfügige Angleichungen.

Tatsächlich unterscheiden sich diese Ein-Partei-Regime in ihrer Struktur, ihrer Ideologie sowie ihrer Kampf- und Herrschaftsmethode gewaltig von den islamischen Herrschaftstraditionen – sowohl in der Theorie wie auch in der Praxis.

 

ARTIKEL VON HISTORIKER BERNARD LEWIS

  

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