Hilfloser Antifaschismus

In der europäischen Öffentlichkeit hat der Islamismus wirklich einen schweren Stand: Die antisemitische Propaganda kann noch so explizit sein, die Bekenntnisse zur Weltherrschaft noch so konkret- man nimmt ihn einfach nicht ernst. So gilt Mahmoud Ahmadinejad nicht als antisemitischer Politiker, der mit durchaus modernen Mitteln seine Ziele zu erreichen sucht, sondern als durchgeknallter Moslem-Macho, dessen ornamentale Rhetorik folgenlos bleiben werde. In dieser Stimmung zwischen Beschwichtigung und Verharmlosung über das iranische Vernichtungsprogramm aufzuklären, stellen sich zwei Konferenzen Anfang Mai in Wien und Berlin zur Aufgabe.

            So aufschlussreich die Vorträge waren, wenn es um den Iran ging, so wenig kritisierten sie die europäische Haltung grundsätzlich. Vielmehr standen die Appelle an die deutsche und die Österreichische Regierung in einem befremdlichen Gegensatz zu dem, was die Referenten an Fakten aufzuführen hatten. Die krampfhafte Suche nach unterschiedlichen Fraktionen in der europäischen Politik erinnerte an das Beschwichtigungsgerede von den Fraktionen unter den Mullahs im Iran, wo es Reformer und Hardliner gebe. Einzig der israelische Historiker Benny Morris wagte, offen auszusprechen, was geschehen wird, wenn es so weitergeht: Israel könnte sich gezwungen sehen, zusammen mit den USA oder allein, militärische Schritte einzuleiten. Sollten konventionelle, das heißt: nukleare Waffen eingesetzt werden. Die antiimperialistische Seilschaft vom österreichischen „Standart“ bis zur deutschen „Jungen Welt“ war sich schnell einig, Morris habe den Einsatz von Atomwaffen gefordert. Genau das aber hat er nicht getan. Um so befremdlicher war die Aufforderung des Politologen Matthias Küntzel, die gesammelten Referate der Bundeskanzlerin zu übergeben, auf dass eine Bundestagsanhörung stattfinde.

            Saul Singer von der „Jerusalem Post“ freute sich, ans Publikum gerichtet, darüber, dass es in Deutschland endlich wieder eine antifaschistische Linke gebe – und erntete betretenes Schweigen. Allzu deutlich war Veranstaltern und Publikum daran gelegen, sich nicht als (Ex-) Linke zu erkennen zu geben, die womöglich eine grundsätzliche Kritik am Bestehenden formulieren wollten. Singer fand, dass ein Appell an die Bundesregierung nicht ausreiche, und forderte, sich gegen die Unternehmen zu wenden, die Geschäfte mit dem Iran tätigen. Der genannte Politologe griff die höfliche Kritik auf und erwiderte, man könne sich angesichts der dramatischen Situation, wie Morris sie beschrieben habe, keinen Defätismus leisten und müsse die „gesellschaftliche Mitte“ überzeugen. Was anderes als defätistisch ist es aber, wenn einem angesichts der dramatischen Situation nur einfällt, Bundestagsanhörung zu veranstalten und konformistische Vorschläge zu machen?

 

 

ARTIKEL VON TJARK KUNSTREICH (KONKRET 6/08)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: