Nationbuilding wahnhaft: „Anschluß“ und „Nakba“

 

Die Erfindung der Österreicher und der Palästinenser als Opfer-Kollektive: Rückblick auf ein Gedenkjahr

GERHARD SCHEIT

Die Trauer über den Tod Jörg Haiders trug in vielerlei Hinsicht surreale Züge. Die im öffentlichen Raum zur Schau gestellte innere Erschütterung hinterließ nicht nur den Eindruck, dass man hier den Abschied von Prinzessin Diana in den Formen des Kärntner Brauchtums nachgespielt hat. „Haider ist unsere Lady Di“, hieß es wörtlich und mit tränenerstickter Stimme. Aber er war eben mehr. So erinnerte das Staatsbegräbnis in Klagenfurt, live im Staatsfernsehen gesendet, zugleich an die Feierlichkeiten, mit denen Jassir Arafat vor einigen Jahren in Ramallah zu Grabe getragen wurde. Bei allen regionalen Unterschieden, die sich in Trachtenkleidern der verschiedensten Alpenregionen ebenso wie in Reminiszenzen ans Dritte Reich niederschlugen (die Kärntner Freiwillige Feuerwehr trug, merkwürdig verfremdet, kleine weiße Wehrmachtshelme), war da in den zahlreichen Interviews und Reportagen ein vergleichbarer Zustand panischer Reaktion und allgemeiner Verwirrung zu beobachten, der Bevölkerung, Massenmedien und politische Repräsentanten [1] einte wie sonst nur ein gemeinsamer Feind. Und darum fehlte auch hier nicht das Gerücht, dass eben dieser Feind dahinterstecken müsse, wenn der geliebte Führer das Zeitliche segnet; dass also der israelische Geheimdienst seine Hände im Spiel habe, wenn der schwer alkoholisierte Landeshauptmann nach dem nächtlichen Diskobesuch in den Tod rast. [2] Sein Ende war in diesem zweideutigen Sinn ein letzter Beweis seiner Volksnähe. Der Wahnsinn, der diese Nation im Innersten zusammenhält, schuf sich dann beim Begräbnis Luft in der Rede des designierten Nachfolgers in der Kärntner Partei. Darin nämlich hieß es unverblümt, Haider sei den „Opfertod für Kärnten gestorben“ (Neue Zürcher Zeitung, 20. 10. 08.).

Deutsches Blut in österreichischen Adern

Tausendjährige Nationen können innerhalb weniger Jahre entstehen – und kaum jemand wundert sich darüber. Österreichern und Palästinensern ist aber nicht nur gemeinsam, dass sie ihren Status als eigene Nation von heute auf morgen gewinnen konnten – und zwar nachdem sie sich erst einmal gegen die selbständige staatliche Existenz entschieden hatten: die Deutschösterreicher 1938, die palästinensischen Araber 1948. Beider nationale Identität ist zugleich aufs engste, wenn auch in ganz unterschiedlicher Weise, mit der Leugnung der Shoa verbunden.

Der Zweiten Republik Österreich, die 1945 nach dem Einmarsch der Roten Armee ausgerufen wurde, ist eine Erste vorausgegangen, die ursprünglich Deutschösterreich hieß. Dieser Name, der durch den Friedensvertrag von Saint Germain in Republik Österreich abgeändert werden musste, verweist eben noch darauf, dass es bis 1938 zwar einen selbständigen österreichischen Staat, aber keine innere Anerkennung für ihn, also keine entsprechende Nation gab. Die populäre Formulierung, die man bis heute dafür hat, um die dann manifest gewordene, allgemeine Begeisterung für Hitler zu verharmlosen, lautet: der Staat, den keiner wollte.

Die Deutschösterreicher wollten – direkt oder indirekt und mit wenigen Ausnahmen, zu denen die Monarchisten zählten – den Anschluss an Deutschland, weil sie sich national als Deutsche verstanden. Die Sozialdemokraten waren darin noch entschiedener als die Christlichsozialen, die ab 1933 für sich in Anspruch nahmen, in Österreich den besseren deutschen Staat und den besseren Faschismus ins Werk zu setzen. Und Deutschland wurde als das „Reich“ schlechthin oder als „Altreich“ bezeichnet, ähnlich wie man heute in Deutschland von den alten Bundesländern spricht. Jean Améry hat beschrieben, wie unbehaglich diesem Österreicher, der keiner sein wollte, „in seiner Haut“ war: „Er hatte keine Achtung vor seinem Land – und darum niemals wirkliche Selbstachtung. Gehörte er der damals älteren Generation an, träumte er sich […] häufig zurück in die k. u. k. Monarchie. Die Jüngeren starrten seit 1933 in ihrer großen Mehrzahl gebannt hinüber nach Deutschland, ins ‚Reich‘; eine Minderheit nahm es ernst mit dem proletarischen Internationalismus. Keiner war eins mit sich und dem Alpenländchen.“ (Améry 2005, S. 556f.)

Die Existenz eines eigenen Staats war 1919 von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs durch das „Anschlußverbot“ oktroyiert worden. Die ganze Existenz dieses Staats wurde darum als Symbol für die Niederlage verstanden, und weil der Antisemitismus die bevorzugte Form war, die Niederlage zu verarbeiten, hat man dieses Österreich, das keiner wollte, gerne mit den Juden identifiziert. Es entsprach der Logik dieses Wahns, dass im März 1938 die nichtjüdischen Deutschösterreicher die jüdischen in unvorstellbaren Gewaltexzessen, die selbst die Volksgenossen im Altreich staunen ließen, dazu zwangen, die Gehsteige von den aufgemalten Parolen für ein selbständiges Österreich zu reinigen. Diese Parolen waren von der austrofaschistischen Regierung verbreitet worden, um den drohenden Anschluss zu verhindern. Bundeskanzler Schuschnigg hatte jedoch abgelehnt, das Land durch militärische Gewalt zu verteidigen – mit dem Argument, dass eben dies ein Bruderkrieg wäre: er wies das Militär an, keinen Widerstand gegen den Einmarsch zu leisten, weil „wir um keinen Preis, auch in dieser ernsten Stunde nicht, deutsches Blut zu vergießen gesonnen sind“ (Zit. n. Scheithauer 1984, S. 59).

Tatsächlich war immer deutsches Blut in den österreichischen Adern geflossen, das heißt in den ideologischen Adern derer, die auf dem Territorium der Habsburgermonarchie lebten und deutsch sprachen. Sie sahen sich als Österreicher, so wie die Bayern als Bayern und die Preußen als Preußen: in Hinblick auf ihr Herrscherhaus. National aber definierten sie sich als Deutsche: Hofmannsthal verstand sich noch ebenso selbstverständlich als Deutscher wie Nestroy oder Mozart. Nach der Wiedergeburt des österreichischen Staats in Gestalt der Zweiten Republik figurierten jedoch diese Berühmten mitsamt der ganzen kulturellen Vergangenheit der Habsburgermonarchie plötzlich als Kronzeugen einer österreichischen Nation, die anzuerkennen die Bevölkerung umerzogen wurde. Und zu diesem Zweck, der an die Stelle der dringend nötigen Reeducation trat, datierte man sie auch gleich auf das Jahr 996 zurück, weil damals der Name „Ostarichi“ als ortskundliche Auskunft auf einer Schenkungsurkunde aufgetaucht war: Kaiser Otto III. schenkte dem Bistum Freising einen Hof mit 30 kleineren Bauerngütern „in regione vulgari vocabulo Ostarrichi“.

Palästina statt Israel

Geht man davon aus, dass bereits die Römer den Namen Palästina verwendeten, der ins Arabische als Falastin übernommen wurde, gibt es diese Nation sogar schon 2000 Jahre. Allerdings verstanden sich die auf diesem Territorium lebenden Araber immer nur als Araber, es gab nie einen palästinensischen Staat. Als Palästinenser wurden lange Zeit eher die Juden bezeichnet, die hier in kleinen Gemeinschaften – ebenso wie die spärliche arabische Bevölkerung – durchgehend seit Jahrhunderten siedelten oder – ebenso wie die Araber seit dem 19. Jahrhundert – in zunehmendem Maß hier einwanderten. Suchte man nach einer engeren nationalen Zuordnung der arabischen Bewohner, so nannte man nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches in erster Linie Syrien. 1937 äußerte Auni Bey Abdul-Hadi, der Vertreter der arabischen Seite gegenüber der Peel-Kommission, die eine Teilung bereits vorgeschlagen hatte, es gebe kein solches Land namens Palästina: „Palästina“ sei „ein Begriff, den die Zionisten erfunden haben! Es gibt kein Palästina in der Bibel. Unser Land war Jahrhunderte lang ein Teil von Syrien.“ (Zit. n. Jerusalem Post, 2. 11. 1991) Als Graf Folke Bernadotte 1948 von den Vereinten Nationen in den Nahen Osten entsandt wurde, um einen Waffenstillstand zwischen den arabischen Aggressoren und dem eben gegründeten Staat Israel auszuhandeln, musste er erstaunt feststellen, dass die palästinensischen Araber selber keinen eigenen politischen Willen und kein spezifisch palästinensisches Nationalgefühl entwickelt hätten: „Die Forderung nach einem eigenen arabischen Staat in Palästina wird folglich ohne großen Nachdruck gestellt. Es hat den Anschein, als wären die meisten palästinensischen Araber unter den momentanen Bedingungen recht zufrieden damit, Transjordanien angegliedert zu werden.“ (Zit. n. Bard 2002, S. 126) Und noch kurze Zeit nach der Gründung Israels sagte Ahmed Shuqeiri, jeder wisse, dass Palästina nichts anderes sei als das südliche Syrien. (Yaniv 1974, S. 5) Shuqeiri wurde dann zum Vorsitzenden der 1964 gegründeten PLO und rief in dieser Eigenschaft 1967 zum Heiligen Krieg gegen Israel auf.

Erst mit dem Krieg, der sogleich folgte, scheint die palästinensische Nation wirklich ausgebildet. Zunächst nur eine Waffe unter anderen in der Aufrüstung gegen Israel, bot sie schließlich die besten Voraussetzungen, auch die Niederlage im Sechstagekrieg zu verarbeiten. In den Worten von Ägyptens Präsident Nasser, der Shuqeiri innerhalb der Arabischen Liga zur Gründung der Palästinenser-Organisation aufgefordert hatte: es gehe der arabischen Seite um „die volle Wiederherstellung der Rechte des palästinensischen Volkes, Mit anderen Worten, unser Ziel ist die Zerstörung des Staates Israel. Unser unmittelbares Ziel dabei ist der Ausbau der arabischen Militärmacht, und unser nationales Ziel ist die Auslöschung Israels.“ (Zit. n. Bard 2002, S. 153)

Bernard Lewis hat im einzelnen ausgeführt, wie sich die neue Nation im internationalen Raum positionierte: Von 1967 an „spielte die PLO eine prominente, wenn nicht gar die führende Rolle im arabischen Krieg gegen Israel“: Während die arabischen Regierungen und Armeen „ein Bild der Niederlage und der Ohnmacht boten, schuf die PLO in scharfem Kontrast dazu ein neues Bild vom Araber als wagemutigem revolutionären Freiheitskämpfer, der allein gegen ungeheuer überlegene Kräfte kämpft anstatt, wie vorher, erfolglos gegen einen kleineren und schwächeren Feind.“ So wurde aus dem israelischen David, der kühn gegen den Goliath der Arabischen Liga kämpft, plötzlich ein jüdischer Goliath, der versucht, den PLO-David zu töten. Dieses neue Bild übte eine beträchtliche Wirkung in der westlichen Welt aus, „wo es der PLO und ihren Förderern zum ersten Mal seit der Geburt Israels gelang, einen großen Teil der öffentlichen Meinung, vor allem in den Medien und in der literarischen und akademischen Welt, von einer bis dahin proisraelischen Haltung abzubringen und für eine proarabische Haltung zu gewinnen. Das Argument, dass die Palästinenser eine Nation ohne Heimatland seien und daß die PLO einen revolutionären Kampf für die nationale Befreiung führe, trug viel zu dieser Entwicklung bei.“ (Lewis 1987, S. 226f.)

In postnazistischen Ländern wie Deutschland und Österreich war dieses „Argument“ vermutlich sogar das entscheidende Mittel, den Antisemitismus endlich „ehrbar“ (Améry) und „demokratisch“ (Jankélévitch) erscheinen zu lassen. Besonders aber in Österreich lag die Identifikation mit den Palästinensern auf der Hand.

Völkerfreundschaft

Die Voraussetzung für die beschleunigte Genese beider Nationen ist der ausgeprägte Opfer-Status. Die nach 1945 frisch gebackenen Österreicher stellten sich als das erste Opfer Hitlerdeutschlands dar. Mit diesem Gründungsmythos löschte die herrschende Ideologie des bald auch als neutral deklarierten Landes aus, wer zuallererst und in unbeschreiblichem Ausmaß die Opfer Hitlerdeutschlands waren, das die Österreicher als Täter, Mitläufer und Zuschauer ebenso mitgetragen hatten wie die übrigen Deutschen – wobei ihnen noch ein besonders hoher Anteil unter den Massenmördern der SS und der Lager zukommt.

Dem „Anschluss“ von 1938 und seiner Funktion für die Identität der Österreicher entspricht in der Logik des palästinensischen Opfermythos die „Nakba“. Durch die Ablehnung der Teilung, also die Sistierung eines eigenen palästinensischen Staats, und die konzertierte Aggression gegen den der Juden, wurde die palästinensische Identität gleichsam aufgeladen. Gab es allerdings davor bereits etwas wie eine Einheit arabischer Palästinenser, so war sie verbürgt und verkörpert von der Person des Großmuftis von Jerusalem, und eben dieser religiöse Führer hatte sich aktiv an der Shoa beteiligt. [3] Als sein Großneffe Arafat die Führung der neugeschaffenen Nation übernahm, waren alle Vorbereitungen getroffen, dass der Antizionismus auf internationaler Ebene Entsatz für die Schuldumkehr bieten konnte, die in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs die ehemaligen Volksgenossen wie deren Nachwuchs beschäftigte – und die Opfer der Shoah als die Täter der Nakba wieder ins Schussfeld rückte.

In beiden Fällen handelt es sich jedoch auch um eine Ausgeburt dessen, was als Substantialisierung des Völkerrechts zu fassen wäre. Vom Standpunkt des internationalen Rechts aus gesehen, ist es durchaus korrekt, den Staat Österreich als das erste Opfer Hitlerdeutschlands zu bezeichnen. Der Standpunkt abstrahiert per definitionem davon, dass die Mehrheit der Deutschösterreicher sich als Teil der deutschen Nation verstand und für den „Anschluss“ war – und damit 1938 auch die Verfolgung und Ermordung der Juden befürwortete oder billigend in Kauf nahm. Es ist eben genau diese Abstraktion, aus der man die Substanz des österreichischen Nationalbewusstseins machte, die dann lediglich noch mit allerlei historischen Illustrationen eines tausendjährigen Österreich ausgestattet wurde. Wer wie Améry im Exil lebend, Österreich einen Besuch abstattete, konnte zu seiner Verblüffung Zeuge werden, „wie jeder einzelne Österreicher meinte, das historische Zufalls-Äquilibrium der beiden Supermächte, das dem Land eine gewisse Sicherheit und Unabhängigkeit garantierte, sei sein ganz persönliches Verdienst“. (Améry 2005, S. 562f.) Außenminister Leopold Figl sagte bei der Unterzeichnung des Staatsvertrags 1955: „Die Opfer, die Österreichs Volk in dem Glauben an seine Zukunft gebracht hat, haben nun ihre Früchte getragen.“ (Zit. n. Scheithauer 1984, S. 273)  Und Qualtingers ##Herr Karl## ergänzt: „Und dann is er herausgetreten … der … der Poldl und hat die zwa andern Herrschaften bei der Hand genommen und mutig bekannt: ‚Österreich ist frei!‘ Und wie i des g’hört hab, da hab i g’wußt: Auch das habe ich jetzt geschafft. Es ist uns gelungen – der Wiederaufbau“. (Qualtinger 1995, 181f.)  Der ideologische Coup war wirklich nur gelungen, weil es jene zwei anderen „Herrschaften“ gab, die zumindest darin noch übereinstimmten, dass Österreich einen Staatsvertrag bekommen und neutral werden sollte. Zusammen konnten sie als die beiden großen Siegermächte des Zweiten Weltkriegs in den internationalen, zwischenstaatlichen Verhältnissen auftreten wie der Souverän in den nationalen, innerstaatlichen. Das Interesse an der Selbständigkeit des Landes war auf sowjetischer Seite allerdings größer und älter: In gewisser Weise hatte Stalins Politik die österreichische Nation erfunden, aufbauend aufs Anschlussverbot der westlichen Siegermächte des Ersten Weltkriegs. Gedacht als taktische Waffe gegen Deutschland, sollte sie über Stalins im Alpenland ansässige Partei, die KPÖ, und seine Diplomaten unters Volk gebracht werden – akzeptiert haben sie bis 1945 aber nur die kommunistischen und monarchistischen Widerstandskämpfer und die Exilanten, die ihnen politisch nahestanden. Die eben noch ostmärkische Bevölkerung erfasste dann jedoch recht bald den einzigartigen Vorteil, der sich aus dieser Nationwerdung für sie ergab: ihr Staat musste nicht als Nachfolgestaat des Dritten Reichs firmieren und konnte doch an den Erträgen der Vernichtung teilhaben. Der Zeithistoriker Ernst Hanisch drückt das so aus: „Abwägend formuliert kann wohl von einer Strukturverbesserung gesprochen werden. Die Startbedingungen für die österreichische Wirtschaft waren nach dem Zweiten Weltkrieg (trotz der enormen Zerstörungen) wohl günstiger als nach dem Ersten.“ (Hanisch 1994, S. 351) Aber als das nationale Bewusstsein prägte sich eben das Bedürfnis heraus, sich bei aller Strukturverbesserung „klein zu machen“, wie das Améry mit unnachahmlichem Gespür bemerkt hat, klein „und unscheinbar, klägliches und zum Beklagen einladendes erstes Opfer der Eroberungszüge Hitlers“ (Améry 2005, S. 562f.). Es fehlte wirklich nur, dass Österreich Wiedergutmachungsforderungen gegenüber der Bundesrepublik Deutschland erhoben hätte. Warum aber Westdeutschland es offenkundig anstandslos akzeptierte, dass dieser Teil des Dritten Reichs sich aus der Verantwortung so einfach davonschlich, bleibt ein wenig rätselhaft. Vielleicht wollte man hier die idealen Bedingungen eines Erholungsortes für die von den Ansprüchen des Westens geplagte deutsche Seele bewahrt wissen.

Die palästinensische Sache hingegen litt darunter, dass hier keine gemeinsame Politik der Siegermächte, keine Überschneidung ihrer Interessen wie in Österreich, mehr zustande kam. Sie dennoch voranzubringen, war niemand besser geeignet als österreichische Politiker, die auch nicht lange zögerten. Nachdem er im Vernichtungskrieg der Wehrmacht auf dem Balkan seine Pflicht erfüllt hatte, betätigte sich das ehemalige Mitglied der SA-Reiterstaffel Kurt Waldheim dergestalt im Dienste der österreichischen Nation und zum Wohl der palästinensischen. In seine Zeit als UN-Generalsekretär fielen nicht nur die israelfeindlichen Resolutionen 332 (1973) und 452 (1979), er selber vermied es während des Jom-Kippur-Kriegs konsequent, den Angriff Syriens und Ägyptens zu verurteilen, und erst nach Umschwung des Krieges zugunsten Israels forderte er, das Feuer einzustellen. 1974 stellte sich Waldheim hinter den Auftritt Arafats vor den Vereinten Nationen, der ein Durchbruch in der weltweiten Anerkennung der palästinensischen Nation war. Zum ersten Mal in der Geschichte der Vollversammlung, durfte der Chef einer Organisation auftreten, ohne zugleich einen Staat zu repräsentieren.

Waldheims Politik stand dabei im völligen Einklang mit der des österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky, der Arafat, wie Robert Wistrich schreibt, „in den Regierungszentralen Europas salonfähig“ gemacht hat. (Wistrich 1987, S. 417) Es war der Einklang der österreichischen Nation, der sich nirgendwo so deutlich wie in der Nahost-Politik manifestierte. Bei allem, was sie trennen musste – sie entstammten ja nicht bloß konkurrierenden Parteien, der eine war vielmehr Täter und der andere Opfer gewesen, als es den österreichischen Staat nicht gab –, stimmten doch Waldheim und Kreisky mitsamt ihren Parteien, und nicht anders als FPÖ und KPÖ, grosso modo stets darin überein, das Bündnis mit Arafat und der PLO fast um jeden Preis zu suchen, und diese seltene Einmütigkeit war die logische Fortsetzung davon, über die Nazi-Vergangenheit der Österreicher zu schweigen oder zu lügen und ihre Täter zu schützen. Im Geiste dieser Kontinuität hatte Kreisky den Zionismus als eine „nachträgliche Aneignung von Naziideen unter umgekehrten Vorzeichen“ bezeichnet. (Zit. n. Wistrich 1979, S. 78-84)

Während der eine Österreich als Möglichkeit verstand, die einheimischen Nazis in Schach zu halten, indem man sie in die neue Nation integrierte, am besten als Mitglieder der eigenen Regierung, war es dem anderen die einfachste und billigste Lösung, über die eigene Vergangenheit sich hinwegzulügen. Beide arbeiteten im selben Maß daran, die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu den arabischen Ländern auszubauen – der eine, um wenigstens innenpolitisch die Arbeitslosigkeit zu verhindern, die in seinen Augen automatisch die Wiederkehr des Faschismus zeitigen musste; der andere, um wenigstens außenpolitisch die Kontinuität des Faschismus fortzusetzen. Dieser nationalen Einigkeit entsprang schließlich das Phänomen Jörg Haider, der zunächst noch in den Fußstapfen des Dritten Reichs die österreichische Nation als „Mißgeburt“ bezeichnete, dann aber eilig – als wiederholte er den Schwenk des ersten Vorsitzenden der PLO – zum überzeugten Österreicher mutierte. Mit einiger Konsequenz nannte er schließlich seine Partei die „PLO von Österreich“ [4].

Es entspricht dieser inneren Verwandtschaft, daß umgekehrt Haider von vielen Arabern „der Löwe“ genannt wurde – wie die österreichische Zeitung Der Standard nicht ganz ohne Stolz berichtet. In seinem Buch Zu Gast bei Saddam. „Im Reich des Bösen“ (erschienen im März 2003!) erzählt der Kärntner Landeshauptmann davon, daß Saddam Hussein ihm bei seinem Besuch in Bagdad im Februar 2002 etwas anvertraute, worüber er „zu schweigen verpflichtet“ sei: „Aber es festigte die Einstellung, die ich zum Irak und zu den handelnden Personen gewonnen hatte.“ (Zit. n. Der Standard, 13.10.2008. Nun haben beide das Geheimnis mit ins Grab genommen – und doch kann sich jeder denken, daß es die Vernichtung Israels und die Entmachtung der USA betraf.

Das verfließende Nationalbewusstsein

Die PLO von Österreich und ihr Vorbild in Palästina können, jede auf ihre Weise, nur partiell reüssieren. Jene Gruppe, die einmal die Alleinvertretung der palästinensischen Nation, das imaginäre Gewaltmonopol, ganz selbstverständlich beanspruchen konnte, hat in Gestalt der Hamas einen geradezu unbesiegbaren Konkurrenten bekommen, der mittlerweile im Gazastreifen allein zu herrschen imstande ist. Sein Erfolg liegt darin, daß er wirklich den Kern der Nation offen zur Schau trägt: die Vernichtung Israels. So fließen ihm die Gelder aus der Islamischen Republik Iran reichlich zu.

Auch in Österreich kam es zu einer Spaltung und zu einem dramatischen Machtverlust jenes Mannes, der als eine Art Arafat der Alpen in die Geschichte eingehen wollte. Während Arafat nach außen hin nicht mehr als Terrorist sondern ganz staatsmännisch auftrat, suchte Haider das Image des Ewiggestrigen endgültig loszuwerden und gab sich so weltoffen wie Tariq Ramadan und Edward Said zusammen. Da der Kärntner Landeshauptmann nun aber in seinem Dienstwagen – als wär’s ein kleiner, rasender Führerbunker – den Tod fand, wird seine neue Partei, die ausgerechnet „Bündnis Zukunft Österreich“ (BZÖ) heißt, kaum mehr erfolgreich sein. Die Früchte der „Trauerarbeit“ – von der seine verwaisten Parteigenossen spontan gesprochen haben, als hätten sie Mitscherlich gelesen – wird die alte FPÖ ernten, die sich bereits zu Lebzeiten als geeigneter erwies, sein Erbe anzutreten. Wie die Hamas ist sie darauf spezialisiert, die nationalen Opfermythen zu pflegen, und in diesem Sinn versteht sie es, die Interessen der Nation gegen die Integration in die EU offensiv zu vertreten, um sie eben dort noch besser zu integrieren. [5]

So wie jedoch Hamas und PLO nicht die Fähigkeit verlieren, in der einen entscheidenden Sache jederzeit sich zu versöhnen, im Kampf nämlich gegen Israel, so stimmt auch die FPÖ mit allen Parteien, ob sie nun deutlich für die EU oder ein wenig gegen sie sind, in einem Punkt überein: die Geschäfte mit den Feinden Israels sich möglichst wenig durch Sanktionen zu verderben, und „Nie wieder Krieg“ zu schreien, wenn das Schlimmste durch Militäreinsätze verhindert werden könnte.

Es kehrt gleichsam das Innerste dieser Nation nach außen, daß ihr größtes börsennotiertes Industrieunternehmen, zugleich der führende Öl- und Erdgaskonzern Mitteleuropas, nun mit der Islamischen Republik Iran ins Geschäft zu kommen sucht – und Regierung wie Opposition diese Anbahnung decken. [6] Denn diese Nation entsprang in gewisser Weise auch den Ölförderanlagen, die im Zuge des nationalsozialistischen Vernichtungskriegs ausgebaut wurden und die dem Land schließlich die zweitgrößte Erdölproduktion in Europa einbrachten. Zunächst konnte die Sowjetunion diese umfangreichen Ressourcen als ehemaliges „Deutsches Eigentum“ für ihre Zwecke nutzen, dann ging per Staatsvertrag dieses Erbe an die Republik Österreich über – und heute baut es mit an der großen Leitung, die dorthin reichen soll, wohin die Wehrmacht einst nicht mehr kam, um nebenbei zur Finanzierung jenes Krieges beizutragen, der gegen den Staat der Holocaust-Überlebenden geführt wird.

Anmerkungen:

[1] Vgl. hierzu die übersichtliche Darstellung in der Jerusalem Post, 19. 10. 2008.

[2] Wie im Fall Arafats misstraut man hartnäckig dem Obduktionsbefund. Die Einäscherung wurde verschoben, und es soll eine zweite Obduktion der Leiche in Auftrag gegeben worden sein. Dass nicht einmal darüber Klarheit herrscht, ob diese Obduktion wirklich stattfindet, macht das Gerücht über den Mossad unwiderstehlich.

[3] Vgl. hierzu Gensicke 1988.

[4] Haider z.B. in der Süddeutschen Zeitung, 18. 10. 1996.

[5] Améry hatte schon die besondere Kompatibilität des neuen österreichischen Nationalbewusstseins entdeckt, besaß es doch für ihn in der „umfassenden und leeren Toleranz etwas zutiefst Unglaubwürdiges“, da es nicht wie das französische „der Geschichte abgerungen“, sondern „vom Weltereignis auferlegt“ wurde und man es danach „zu einem Ehrentitel“ machte: Es würde „recht gut hineinpassen in ein Europa, von dem es heißt, es stehe schon im Begriffe, die Staaten-Nationen abzuschaffen und an deren Stelle die in einem europäischen Staaten-Verband sich vereinigenden Regionen mit deren Dialekten, deren Folklore, deren spezifischen Identitäten zu entdecken“ (Améry 2005, S.565).

[6] Wenn sich seit kurzem innerhalb der österreichischen Grünen und der „Österreichischen Volkspartei“ auch kritische Stimmen äußern, zeigt das umgekehrt, wo der Kern dieser Nation liegt: die FPÖ und Haiders BZÖ sind überhaupt für Aufhebung der Sanktionen gegen den Iran, und in der SPÖ sieht nach wie vor niemand Maßgeblicher einen Anlass, das Geschäft in Frage zu stellen.

Literatur:

Améry, Jean, Aspekte des Österreichischen, in: Werke, Bd. 7: Aufsätze zur Politik und Zeitgeschichte, hg. v. St. Steiner. Stuttgart 2005.

Bard, Mitchell G., Behauptungen und Tatsachen. Der israelisch-arabische Konflikt im Überblick. Holzgerlingen 2002.

Gensicke, Klaus, Der Mufti von Jerusalem Amin el-Husseini und die Nationalsozialisten. Frankfurt/M. 1988.

Hanisch, Ernst, Der lange Schatten des Staates. Österreichische Gesellschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert. Wien 1994.

Lewis, Bernard, „Treibt sie ins Meer!“ Die Geschichte des Antisemitismus. Frankfurt/M. – Berlin 1987.

Qualtinger, Helmut, Der Herr Karl und andere Texte fürs Theater, hg. v. Tr. Krischke. Wien 1995.

Scheithauer, Erich u.a., Geschichte Österreichs in Stichworten, Bd. VI: Vom Ständestaat zum Staatsvertrag – Von 1934 bis 1955. Wien 1984.

Wistrich, Robert, Between Vienna and Jerusalem. The Strange Case of Bruno Kreisky, in: Encounter, Mai 1979.

Wistrich, Robert, Der antisemitische Wahn. Von Hitler bis zum Heiligen Krieg gegen Israel. Ismaning 1987.

Yaniv, Avner, PLO. Israel Universities Study Group of Middle Eastern Affairs. Jerusalem 1974.

Artikel aus der Prodomo-Zeitschrift Nr. 10

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