Neues aus dem postfaschistischen Italien I

Avanti popolo, bandiera nera!

Die italienischen Neofaschisten gewinnen mit ihren Hausprojekten und ihrer Kampagne für eine »soziale Wohnungspolitik« an Einfluss. Bisher fielen sie vor allem in Rom auf, im vergangenen Jahr konnten sie sich in ganz Italien auf lokaler Ebene etablieren, ohne auf großen Widerstand zu stoßen.

von Catrin Dingler

Der Name prangt in neuen Marmorlettern über dem Haupteingang: »Casa Pound«. Die Hausherren hätten das fünfjährige Jubiläum ihres neofaschis­tischen Centro Sociale nicht angemessener feiern können. Der italienische Faschismus hat seit jeher seine Macht in marmornen Prunkbauten zur Schau gestellt, seine Ideale in weißen Stein geschlagen.

Die Besetzung des Hauses Nr. 8 in der Via Napo­leone III erregte anfangs großes Aufsehen. Das Gebäude liegt nur wenige Meter hinter dem römischen Hauptbahnhof, mitten im Stadtteil Esquilino, einem Viertel, wo viele südostasiatische Migranten und seit einigen Jahren auch immer mehr chinesische Einwanderer leben. Es schien un­wahrscheinlich, dass sich ausgerechnet hier das erste von Neofaschisten besetzte Haus Italiens würde etablieren können.

Mit der Wandlung des faschistischen MSI zur postfaschistischen Alleanza Nazionale entstanden in den neunziger Jahren am rechten Rand ver­schiedene neofaschistische Splittergruppen. Diese rechtsradikale Szene hatte mehrfach versucht, die linke Bewegung der Centri Sociali zu imitieren, doch nie war es ihr gelungen, ein Gebäude dauerhaft zu besetzen. Die Casa Pound stand jedoch von Anfang an für eine neue politische Bewegung.

Gianluca Iannone, der Sprecher der Gruppierung, hat noch die alte neofaschistische Schule durchlaufen, sich dann aber von den Nostalgikern gelöst. Er versammelt heute vor allem Skins aus den römischen Vorstädten und Ultras aus den Fankurven der Fußballstadien um sich. Ianno­ne präsentiert sich gern als »Magier der Kommunikation«. Er begann als Frontmann der rechten Kultband Zetazeroalfa, reaktivierte die neofaschistische Zeitschrift Occidentale, gründete das Radio Bandiera Nera und rief zuletzt den Newsletter »Fare Quadrato« ins Leben.

Obwohl die Casa Pound unter den Arkaden der zentralen Piazza Vittorio aggressiv gegen die multikulturelle Gesellschaft plakatiert, haben die Bewohner des Hauses bisher nicht die Konfrontation mit den migrantischen Nachbarn gesucht. Ohne das Territorium mit Fäusten zu verteidigen, hat die Casa Pound ihre Hegemonie im Viertel durch­gesetzt. Die Rechten betreiben inzwischen eine eigene Buchhandlung und eine zur Casa gehörende Kneipe.

Vor allem aber ist es der Casa Pound gelungen, das in den ersten Monaten auf der Hausfassade angeschlagene Programm als politisches Projekt zu etablieren: »Miete ist Wucher! Gegen die Teuerung! Casa Pound!« Wegen der permanenten Woh­nungsnot in Rom wurde die Hausbesetzung als »Occupazione a scopo sociale« (OSA) propagiert. Mit »Besetzungen für soziale Zwecke« sollten Wohnräume für bedürftige italienische Familien geschaffen werden. Tatsächlich werden in dem sechsstöckigen Gebäude nur wenige Räume in den unteren Stockwerken als klassisches Jugendzentrum genutzt, die übrigen Etagen werden regulär bewohnt.

Die OSA steht für die zentrale Forderung der Casa Pound nach einem »sozialen Darlehen«, mit dem jeder italienischen Familie der Kauf einer Wohnung ermöglicht werden soll. Eine eigens ein­zurichtende staatliche Behörde hätte dafür zu sorgen, dass leerstehende öffentliche Gebäude re­noviert bzw. neue Sozialwohnungen gebaut und ohne Profit an italienische Staatsbürger weiterverkauft würden. Mit dem Rechtsanspruch auf ein Eigenheim verbindet die Casa Pound ihre wesentlichen politischen Anliegen: die Kritik am Banken- und Finanzwesen, den Wunsch nach Autarkie sowie die Verteidigung der italienischen Nation und der traditionellen Familie.

Das Programm ist populär. Im vergangen Jahr ent­stand der nationale Zusammenschluss Casa Pound Italia. Die Bewegung wächst schnell. Inzwi­schen haben sich in allen Regionen Italiens neue Gruppen unter dem Emblem einer stilisierten Schildkröte zusammengefunden. Diese verkörpert nicht nur die Idee vom eigenen Haus: Mit dem neuen Symbol verzichtet die Casa Pound auf die alte neofaschistische Flamme und das obli­gatorische Keltenkreuz, ohne deshalb die neofaschistische Tradition aufzugeben. Die Langlebigkeit der Schildkröte soll die Stärke und Ausdauer der faschistischen Idee, ihr aus einem Achteck ge­formter Körper deren unendliche Vollkommenheit und Perfektion zum Ausdruck bringen. Der Name der in Südeuropa verbreiteten Landschildkröte Tesudo verweist außerdem auf eine militärisch-taktische Formation des römischen Heeres und damit auf den imperialen und militanten Cha­rakter der Bewegung. Die Casa Pound beruft sich ausdrücklich auf das ideelle Erbe Benito Mussolinis, auf den Bewegungsfaschismus der zwanziger Jahre. Deshalb ist ihre Sympathie für die squadristi nicht nur ein geschickter Propagandatrick, der mit einem Wortspiel die Begeisterung der Fußballfans für die eigene Mannschaft (it. squadra) politisch zu instrumentalisieren versucht, sondern eine ernst gemeinte Verherrlichung der damals für den Terror gegen die Arbeiterbewegung verantwortlichen faschistischen Schläger­trupps.

Iannone selbst tritt nicht als pseudorevolutionärer Schläger auf. Insbesondere seit der Wahl Gi­a­nni Alemannos zum Bürgermeister von Rom sucht er die Zusammenarbeit mit der institutionellen Rechten. Alemanno gehörte in seinen Jugendjahren selbst zum militanten Flügel des Neo­faschismus und unterhält trotz seines Aufstiegs innerhalb der Alleanza Nazionale über persönliche Bekanntschaften und langjährige Freundschaften Verbindung zur radikalen Rechten. Erst zu Jahresbeginn wurde eine neue Hausbesetzung nach direkten Verhandlungen zwischen Iannone und der Stadtverwaltung aufgegeben. Der Casa Pound wurde dafür ein alternatives Gebäude zur Einrich­tung des gewünschten Boxclubs versprochen und außerdem zugesichert, dass das geräumte Ge­bäude einer Bürgerinitiative des Stadtteils übergeben werde.

Während Iannones Strategie, die Stadtpolitik von außen zu beeinflussen, aufgeht und die Casa Pound in Rom an Einfluss gewinnt, regt sich außerhalb der römischen Stadtmauern Widerstand gegen die Bewegung. In Bologna ruft die Antifa seit Wochen zum Protest gegen die ortsansässige Casa Pound und zur sofortigen Räumung des Gebäudes auf. Anders als in der Hauptstadt zeigen sich die Anhänger Iannones im Norden auch weniger diplomatisch. Vor allem in Bologna und in Verona wurden Migranten und Linke wiederholt angegriffen. Die Übergriffe gehen offiziell auf das Konto der neofaschistischen Partei Forza Nuova, doch ist nicht auszuschließen, dass sich auch Anhänger der Casa Pound unter die Schläger mischen. Bereits im vergangenen Herbst beteiligte sich die mit der Casa Pound verbundene Studentenorganisation Blocco Studentesco an dem von der Forza Nuova auf der römischen Piazza Navona organisierten Angriff auf die Schüler- und Stu­dentenbewegung.

Die verhaltenen Reaktionen auf den Versuch der Rechten, sich an den Protesten zu beteiligen, zeig­ten damals schon die wachsende anti-antifaschis­tische Stimmung in Rom. Die ideologischen Barrieren werden weiter abgebaut. Im Esquilino wer­ben inzwischen auch linke Parteien für das »soziale Darlehen«, und ehemalige Stadtguerilleros lassen sich von den neuen Schwarzhemden zur gemeinsamen Buchpräsentation einladen. Die Casa Pound ist zu einer festen Adresse geworden.

Artikel aus der Jungle World Nr. 7, 12. Februar 2009

 

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