Schweigt, wenn ihr Deutsche seid!

 

Am vergangenen Freitag und Samstag zogen Nazis aus Anlass des Jahrestags der Bombardierung Dresdens durch die Stadt. Auch Kai-Uwe und sein Kamerad Henry waren dabei.

von Matthias Galle und Michael Bergmann

Über Kai-Uwe dröhnt der Verkehrslärm, die Demonstration beginnt in einer Unterführung. Das Vasallensystem bedient sich mieser Methoden, um ein würdevolles, stilles Gedenken an die Toten zu behindern! Kai-Uwe schüttelt erbost den Kopf. Die strengen Regeln auf der Demonstration verbessern seine Laune auch nicht gerade. Verdammtes Rauchverbot! Aber Anweisung ist Anweisung, der altgediente Kamerad Thomas »Steiner« Wulff sagt, wo es langgeht: »Hände aus den Taschen, die Skelette und die Kreuze nach vorne zu Maik! Formation einnehmen, fünf nebeneinander! Versucht, das hinzukriegen!« Und so reiht sich auch Kai-Uwe in den Aufmarsch des »Aktionsbündnisses gegen das Vergessen« ein. Es ist der Abend des 13. Februar. Dank der Fackeln kommt doch noch eine würdevolle Stimmung auf. Aber warum darf Enrique Valls, ein Abgeordneter der Alianza Nacional aus Spanien, die Eröffnungsrede halten? Spanier zuerst, oder wie? Zum Glück übersetzt der Demonstrationsanmelder Maik Müller von den Freien Kräften Dresden die Rede ins Sächsische.

Die Demonstration beginnt, Musik von Richard Wagner schallt vom Lautsprecherwagen. Hat was Erhebendes, der Geigenkram, der Führer mochte ihn ja auch, denkt Kai-Uwe. Aber Wagner wird schnell langweilig. Da kann man glatt verstehen, dass die NPD-Führung nicht teilnimmt, aber das hat ja eher politische Gründe, grübelt er. Die Freien Kameradschaften halten ihren Trauermarsch jedes Jahr am 13. Februar ab, die NPD am darauf folgenden Wochenende. Eigentlich eine Schande, diese Streitereien im nationalen Lager! Aber die Büttel des Systems versuchen alles, um die Bewegung zu spalten, weiß Kai-Uwe.

An der Spitze der Demonstration laufen zwei junge Mädels mit einem Trauerkranz, dahinter tragen einige als Gerippe verkleidete Kameraden Holzkreuze. Nun heißt es für Kai-Uwe und die weiteren 1 100 Kameraden: Schweigen! Eine Pause legt der Marsch am Wettiner Platz in der Dresdner Altstadt ein, wo 1933 die Bücherverbrennung stattfand. Kai-Uwe freut sich, dass der Marsch an einem für die Bewegung historisch bedeutenden Platz Halt machen darf. Die Zwischenkundgebung ist zwar nur kurz, aber in anderen Städten wird so etwas meist gestört oder gar nicht gestattet. In Dresden dagegen fühlt sich Kai-Uwe recht willkommen.

Der nächste Tag wird noch besser! So viele Kameraden hat Kai-Uwe bisher noch auf keiner Demonstration gesehen. Ungefähr 7 000 waren es, wie er später erfährt. Trotzdem wird seine Laune getrübt: »So ein Kauderwelsch. Das geht ja hier zu wie in Kreuzberg!« Sein Kamerad Henry versucht, ihn zu beruhigen: »Das sind Nationalisten aus Spanien, Dänemark, Schweden, der Slowakei und Tschechien. Die bleiben nicht. Die reisen heute abend wieder ab.«

Die Auftaktrede hält der Anmelder Kai Pfürstinger von der Jungen Landsmannschaft Ostdeutschland (JLO). Dann spricht Holger Apfel von der NPD. Funktionärsgeschwafel! Zum Glück redet dann noch jemand aus der Erlebnisgeneration, freut sich Kai-Uwe. Und nicht irgendwer: Hajo Hermann tritt ans Mikrofon, das Fliegerass vom Jagdgeschwader »Wilde Sau«, Träger des Ritterkreuzes mit Eichenlaub und Schwertern. Die Jungspunde wissen doch nichts vom Bombenkrieg. Hajo Hermann dagegen war selbst Bomberpilot, in der Legion Condor! Ausgerechnet seine Rede wird von einer Frau unterbrochen, die auf die Bühne springt und in die Menge brüllt: »Nie wieder Deutschland! Nie wieder Krieg!« Ein Ordner zieht sie zur Seite. »Verdammte Gutmenschenzecke!« flucht Kai-Uwe.

Dann schallt es plötzlich aus dem Bahnhofsgebäude: »Dynamo, Dynamo!« Eine Horde Fußballfans ist auf dem Weg zum Spiel. Zahlreiche Reisende tummeln sich rund um den Bahnhof. Schweigt still, wenn ihr Deutsche seid! denkt sich Kai-Uwe. Bald soll der Schweigemarsch losgehen. Doch dann kommen etwa 100 Antifas aus dem Bahnhof und bleiben mitten in der Auftaktkundgebung stehen. Dabei hat Kai-Uwe doch von den Dresdner Kameraden erfahren, dass die Zecken und die Gutmenschen auf die andere Elbseite verbannt werden sollten. Nach einem kurzen Tumult drängt die Polizei die Antifas ab. Kai-Uwe hätte das lieber selbst erledigt. Aber man soll sich den Anweisungen zufolge nicht provozieren lassen, genau darauf legt es der Feind ja an. Dafür wird nach der nationalen Revolution aber so richtig aufgeräumt! denkt sich Kai-Uwe.

Dann laufen die ersten Blöcke los, ganz vorn die JLO mit den Fahnen der deutschen Ostgebiete. Dahinter reihen sich Udo Voigt und Andreas Molau nebeneinander ein – ein starkes Zeichen der Geschlossenheit, gerade in Zeiten der innerparteilichen Grabenkämpfe. Mit ihnen gemeinsam tragen der DVU-Vorsitzende Matthias Faust, Holger Apfel und Jürgen Gansel das Transparent der NPD-Landtagsfraktion Sachsen. Kai-Uwe und Henry können sich in einen Block im ersten Drittel des Aufmarschs einreihen. »Die USA sind unser Unglück«, ist auf dem Transparent zu lesen, neben dem die zwei Kameraden marschieren. Als der Aufzug nach einem Kilometer links abbiegt, blickt Kai-Uwe zurück und ist ergriffen: aufrechte Volksgenossen, soweit das Auge reicht! Wie auf einer Militärparade, nur dass wir jetzt die Panzer sind, denkt sich Kai-Uwe.

Zwar ist es den Polizeiauflagen zufolge verboten, in Blöcken zu laufen und sich zu vermummen, aber Kai-Uwe sieht am Rand der Demonstration ohnehin kaum Polizisten. Er zieht sich seinen Schal ins Gesicht, denn einzelne Fotografen begleiten den Aufzug. Doch dann kommt der Aufmarsch zum Stillstand. Haben es die selbsternannten Demokraten, die in Wahrheit nur den Volkswillen vergewaltigen, tatsächlich geschafft, die Route zu blockieren? Nach wenigen Minuten geht es weiter. Keine Antifas, sondern Einkäufer haben die Demonstration aufgehalten. Dutzende von ihnen haben sich in der größten Dresdner Einkaufsstraße zwischen den Demonstrationsblöcken von einem Geschäft zum anderen bewegt. Bunte Tüten statt Bombentote – eine Schande, dass diese umerzogenen Volksgenossen sogar an diesem Tag den billigen Verlockungen des US-Konsumismus nachgeben, bedauert Kai-Uwe.

In großer Entfernung hört er Sprechchöre, kann sie aber nicht verstehen. Das Ordnungsamt hat gute Arbeit geleistet, die Antifa ist in andere Teile der Stadt verbannt worden. Auf dem Rückweg zum Bahnhof hat Henry eine Idee. Er hat sich die Nummer des Antifa-Infotelefons aufgeschrieben und ruft an: »Wir haben ein Nazi-Auto gesehen. Auf dem Nummernschild stand 1488.« Die Kameraden prusten. Der Henry hat Humor, denkt sich Kai-Uwe. Der lustige Telefonstreich ist an diesem Tag auch bei anderen Nationalisten sehr beliebt. Wieder am Hauptbahnhof angekommen warten Kai-Uwe und Henry, bis der letzte Demonstrationsblock eintrifft. Es dauert noch eine ganze Stunde, so viele Volksgenossen hat die nationale Sache auf die Straße gebracht.

Im Reisebus läuft auf dem Heimweg zum Glück Hatecore statt Wagner. Es spricht sich herum, dass sich Kameraden aus einem anderen Bus auf dem Rastplatz Teufelstal gegen linke Gewerkschaftszecken zur Wehr setzen mussten. In den Zeitungen wird die Geschichte ohnehin wieder anders dargestellt werden, man kennt sie ja, die verdammte Systempresse, denkt sich Kai-Uwe. Zu gern wäre er dabei gewesen auf dem Rastplatz Teufelstal.

Die Autoren danken Recherche Ost, dem Antifa Recherche Team und dem Infobüro Dresden für die Informationen.

Artikel aus der Jungle World Nr. 8, 19. Februar 2009

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