Renovierung des Postnazismus

 

(erschienen in der Berliner Wochenzeitung Jungle World, Nr. 22/28. 5. 2009)

Österreich im Frühjahr 2009: In Serfaus, einem Urlaubsort in den Tiroler
Bergen, verweigert eine Hotelbetreiberin einer jüdischen Familie ein
freies Zimmer, da sie „schlechte Erfahrungen“ mit Juden gemacht habe.
Bei einem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz fallen Wiener Schüler durch
antisemitische Pöbeleien auf. Bei der Gedenkfeier zur Befreiung des
Konzentrationslagers Ebensee schießen vermummte Jugendliche, die von
FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache umgehend als „wirklich blöde Lausbuben“
bezeichnet werden, mit Softguns auf Überlebende, grölen Naziparolen und
zeigen den Hitlergruß. Die Freiheitlichen, die bei den Europawahlen mit
etwa 17 Prozent der Stimmen rechnen können, schalten in der „Krone“
eine Anzeige, in der sie nicht nur gegen einen möglichen EU-Beitritt der
Türkei wettern, sondern auch die antisemitischen Ressentiments der
Leserschaft bedienen, indem sie sich gegen einen von niemandem ernsthaft
diskutierten EU-Beitritt Israels in Pose werfen und die grüne,
sozialdemokratische und konservative Konkurrenz im traditionellen
Nazi-Jargon als „Handlanger der Amerikaner“ denunzieren.

Nachdem die Innenministerin Maria Fekter (ÖVP) hinsichtlich des
Nazi-Überfalls in Ebensee von „gegenseitigen Provokationen“ gesprochen
hatte, sah es anfangs so aus, als würde die postnazistische Kleinfamilie
namens Österreich mit der ihr eigenen Mischung aus Abwehr, Verständnis,
Zustimmung und Gelassenheit auf die Vorkommnisse reagieren. Doch die
Häufung der Vorfälle hat die internationale Öffentlichkeit
aufgeschreckt. Europaweit wurde über den Angriff berichtet. In den USA
und Israel wurden Österreicher auf Serfaus angesprochen. Offensichtlich
in Sorge um das Ansehen im Ausland, entschied sich die
sozialdemokratische österreichische Staatsspitze gegen die in den
vergangenen Jahrzehnten von den Konservativen kultivierte Strategie des
„Jetzt erst recht“ und „mir san mir“. Kanzler Werner Faymann verurteilte
umgehend die antisemitische Stimmungsmache durch die antiisraelischen
Inserate der FPÖ, während sich die ÖVP auffällig zurückhielt. Den
FPÖ-Chef erklärte der Kanzler angesichts des freiheitlichen
Wahlkampfslogans „Abendland in Christenhand“ zum „Hassprediger“, und
nach dem Nazi-Angriff in Ebensee forderte er „mehr antifaschistische
Aufklärungsarbeit.“ Die Innenministerin musste sich für ihre
„missverständlichen Äußerungen“ entschuldigen. Und einer jener Schüler,
die vorzeitig von der Auschwitz-Exkursion nach Hause geschickt werden
mussten, flog von der Schule.

Für österreichische Verhältnisse sind das ungewöhnlich scharfe
Reaktionen. Angetrieben von den Grünen und Teilen der Sozialdemokratie
macht die Republik vorsichtige Schritte in Richtung Anpassung der
anachronistischen postnazistischen Normalität Österreichs – in der vor
wenigen Monaten noch ein Mitglied der Nazi-Burschenschaft Olympia von
einer Mehrheit aus SPÖ und ÖVP zum dritten Nationalratspräsident gewählt
wurde – an die modernisierte Variante des Postnazismus, wie sie aus der
Bundesrepublik bekannt ist. Die geht in etwa so: Der Nationalsozialismus
war eine schlimme Sache, offener Antisemitismus ist etwas für Nazis und
mit Israel erklärt man sich – bei aller Kritik – solidarisch; mit den
Holocaustleugnern und Israelfeinden im Iran und in der arabischen Welt
hingegen pflegt man den Dialog und finanziert sie durch den Ausbau der
ökonomischen Kooperation.

Mittlerweile scheint man auch in Österreich begriffen zu haben, dass
dies im Vergleich zum antiquierten Verharmlosen und Beschweigen eine
zeitgemäßere Form der Auseinandersetzung mit dem alten und neuen
Nazismus darstellt: Bundespräsident Heinz Fischer verurteilt die Hetze
gegen Moslems und Asylbewerber seitens der FPÖ, findet aber offenbar
nichts an der Ideologie des iranischen Ex-Präsidenten Chatami
auszusetzen, der Israel eine „nicht heilbare Wunde, die dämonisches und
ansteckendes Blut besitzt“ nannte, die Todesstrafe für Homosexualität
verteidigt und von Fischer in der Hofburg herzlich begrüßt wurde. Der
sozialdemokratische Teil der Bundesregierung wartet in der
Auseinandersetzung mit den Freiheitlichen neuerdings mit einem
menschelnden Antifaschismus auf, empfängt aber den syrischen
Baath-Faschisten Bashar al-Assad. Und der Kanzler empört sich über die
antiisraelische Hetze der FPÖ, rührt aber keinen Finger, um dem von der
Österreichischen Wirtschaftskammer vehement betriebenen Ausbau der
Geschäftsbeziehungen mit dem Antisemitenregime in Teheran Einhalt zu
gebieten.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: