Antisemitismus und Nationalsozialismus

(…) Das Problem des Wissens von der Nazi-Vergangenheit hat eine besondere Rolle in der deutschen Neuen Linken gespielt, die nicht unmittelbar auf der Hand liegt. Diese Vergangenheit und ihre kollektive psychische Verdrängung waren sehr wichtige Momente in der Entstehung der Neuen Linken. Obwohl es eine Diskussion über den Nazismus und des Holocaust innerhalb der Linken gab, haben viele jüngste Gespräche in Frankfurt ein bemerkenswertes Phänomen offenbart: Während die meisten der älteren Generation der Neuen Linken sich in den sechziger Jahren intensiv mit dem Problem beschäftigt hatten, zeigte es sich, dass ein großer Teil der jüngeren Generation, vielleicht die meisten, die sich 1968 und danach politisiert haben, über die Ausrottung des europäischen Judentums niemals Dokumentationen eingesehen oder sich überhaupt informiert hatten. Für diese Generation war „Holocaust“ ein Schockerlebnis. Es war das erste Mal, dass sie konkret und hautnah mit dem Schicksal der Juden konfrontiert wurden. Sie hatten natürlich davon gewusst, aber offensichtlich nur abstrakt. Der Wirklichkeit dieses Entsetzens hatte sie nie konkret gegenübergestanden. Das Fehlen einer solchen Konfrontation spiegelte sich im Umgang der Nach-Achtundsechziger-Generation mit Geschichte und Verständnis von Nationalsozialismus.
In den späten sechziger Jahren und den frühen siebziger Jahren schenkte die Neue Linke der Geschichte der Arbeiterbewegung, besonders von 1918 bis 1923 und dem Widerstand gegen die Nazis weit mehr Aufmerksamkeit als der Geschichte des Nationalsozialismus selbst.

Das Studium der Geschichte wurde zu einer Suche nach Identifikation – einer Suche, die angesichts der Nazivergangenheit besonders intensiv war. Eine historische Konfrontation mit dem Dritten Reich wurde dadurch jedoch umgangen. Durch die Hervorhebung der revolutionären Bewegungen, die auf den Ersten Weltkrieg folgten, wurde aber die Tatsache verdeckt, dass diese Geschichte spätestens 1933 zu Ende war und nicht länger eine lebendige historische Tradition darstellt – sei es in der BRD oder in der DDR. Das Bedürfnis nach Identifikation führte dazu, den Widerstand gegen Hitler überzubetonen. Dadurch wurde umgangen, sich mit der Popularität des Nazi-Regimes selbst auseinander zu setzen. Dadurch wurde aber auch ein Verständnis der Lage der Juden in Europa von 1933-1945 abgeblockt. Der „Mangel an jüdischem Widerstand“ wurde zu einer impliziten Anklage und bildete keinen Ausgangspunkt für genauere Untersuchungen.

Das Fehlen wirklichen Wissens über die Aktivitäten und die Politik der Nazis in Polen und der Sowjetunion, in den Ghettos und den Vernichtungslagern führte zu einem unvollständigen Bild des Nazismus. Das Ergebnis war eine Analyse des Nationalsozialismus, die jene Momente des Phänomens heranzog, welche in den Jahren 1933-1939 augenscheinlich waren: ein terroristischer, bürokratischer Polizeistaat, der im unmittelbaren Interesse des Großen Kapitals arbeitete und auf autoritären Strukturen, der Glorifizierung der Familie und der Benutzung des Rassismus als einem Mittel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt beruhte. Diese Art der Analyse wurde noch durch die kommunistische Angewohnheit, lieber vom Faschismus als vom Nazismus zu sprechen, verstärkt, womit sie seine Klassenfunktion unter Ausschluss anderer Momente hervorhob. Mit anderen Worten: sowohl die nicht-dogmatische Linke als auch die orthodoxen Marxisten neigten dazu, den Antisemitismus als Randerscheinung des Nationalsozialismus zu behandeln. Dadurch wurden die Naziverbrechen gegen die Menschlichkeit von der sozialhistorischen Untersuchung des Nationalsozialismus isoliert. Das Ergebnis ist, dass die Vernichtungslager entweder als bloße Beispiele imperialistischer (oder totalitärer) Massenmorde erscheinen oder unklärbar bleiben.

Das Bestehen auf einer Auseinandersetzung mit der BESONDERHEIT des Nazismus und der Vernichtung des europäischen Judentums ist in Deutschland häufig als eine Anklage verstanden worden – auch von der Linken. Dass Terror, Massenmord, Rassismus und Autoritarismus ein deutsches Monopol seien, ein Missverständnis, das Abwehrreaktionen hervorruft. So auf die Erwähnung des Gegenstandes Nazismus unmittelbar mit Gräuelbeispielen in Vietnam, Palästina usw. zu „antworten“. Linke Theorien des Nationalsozialismus neigen auch zu dieser Abwehrhaltung. Objektivistische Theorien verkehren entweder Horkheimers Diktum von der BEZIEHUNG zwischen Kapitalismus und Faschismus in eine vorausgesetzte Identität oder vermitteln beides ökonomistisch. Subjektivistische Theorien (wie z.B. die von Theweleit [Männerphantasien, 2 Bde., Frankfurt 1977,78]) lassen die Besonderheit des Nationalsozialismus außer acht. Das Dritte Reich wird so entweder mit dem Kapital oder mit dem Patriarchat identifiziert, d.h. in historisch unspezifischen Kategorien begriffen.

Theorie selbst wurde zu einer Form psychischer Verdrängung. Die Begriffe wurden lieber dazu benutzt, eine unverstellte Wahrnehmung des Nazismus ABZUBLOCKEN, als dass sie gebraucht worden wären, jene Wirklichkeit zu BEGREIFEN und sie verstehbar zu machen. Diese Umkehrung der Funktion von Analyse rührte meiner Meinung nach aus Abscheu und Schuld, die die Nachkriegsgeneration gegenüber der Nazi-Vergangenheit empfand. Mit diesem Schuldgefühl konnte man nur schwer umgehen, und es war kaum zu greifen, weil es ja nicht auf wirklicher Schuld beruhte. Die Verbindung von Abscheu und Schuld führte zu einem Interesse am Nazismus, das jedoch durch Abwehrreaktionen gekennzeichnet war, die verhinderten, sich mit der Besonderheit der Vergangenheit auseinander zu setzen. Ein Zugeständnis jener Besonderheit wurde mit einem Eingeständnis von Schuld verbunden. Das Ergebnis war die Neigung, den Nazismus als leere Abstraktion zu behandeln, die mit Kapitalismus, Bürokratie und autoritären Strukturen assoziiert wurde – nur als eine schlimmere Ausprägung der „Normalität“, die wir alle kennen. Dadurch wurde nicht nur die Besonderheit der deutschen Vergangenheit aufgehoben, sondern der Terminus Faschismus ist Gegenstand einer rhetorischen Inflation geworden, die seine Bedeutung entwertet hat. Einerseits verkannte diese einseitige Betonung der oben angesprochenen Momente des Nationalsozialismus seine antibürgerlichen Aspekte: die Revolte, den Hass auf die Herrschenden und den grauen kapitalistischen Alltag. Andererseits konnte der Kampf gegen die autoritäre kapitalistische Gegenwart in der BRD, eine Gegenwart, der viele Momente von Kontinuität mit der Nazi-Vergangenheit anhaften, als direkter Kampf gegen den Faschismus interpretiert werden; ein Versuch, das Fehlen eines deutschen Widerstandes damals wie heute wieder gutzumachen. Solche Tendenzen beeinflussten die politische Diskussion in Frankfurt während der siebziger Jahre stark, die in hohem Maße durch die Auseinandersetzung mit der Theorie, Strategie und Taktik des westdeutschen Untergrunds bestimmt war.

Viele politische Aktivitäten in der BRD werden als „Lernen aus der Vergangenheit“ dargestellt. Die Brennpunkte des politischen Interesses und der Aktivität in Westdeutschland sind heute die Kämpfe gegen die Unterdrückung, Berufsverbot, den Eingriff in bürgerliche Freiheiten, Gerichtsverfahren, die erschreckende Behandlung politischer Gefangener (in Wirklichkeit aller Gefangener), die Diskriminierung ausländischer Arbeiter, Rassismus und Kernenergie mit ihren politischen wie ökologischen Auswirkungen. Machen es diese Kämpfe notwendig, aus der Nazi-Vergangenheit zu lernen? Sicherlich sind sie zwar gegen den autoritären Staat gerichtet. Diese Bestimmung erschöpft die des Nationalsozialismus aber keineswegs. Diese Kampagnen – so wichtig sie sind – als „Lernen aus der Vergangenheit“ darzustellen, ist irgendwie verdächtig. Das Lernen geht hier etwas zu schnell und stellt zum Teil auch eine Flucht aus der Besonderheit jener Vergangenheit dar.

Die Auswirkungen dieser Flucht sind zweideutig. Ich bezweifle, ob es im Westen noch eine Linke gibt, die gegenüber Entwicklungen in anderen Ländern so offen und informiert ist, wie die westdeutsche. Jedoch spürt man eine unterschwellige Verzweiflung, eine Suche nach Identität, mit der große Teile der nicht-dogmatischen Linken versucht haben, sich in unmittelbarer Weise auf die Entwicklungen im Ausland zu beziehen – vom italienischen „Heißen Herbst“ 1969, über die Panther-Verteidigung, Palästina, Portugal, alternative Projekte in den USA, die italienischen Stadtindianer, die französische „Neue Philosophie“ usw.

Diese Probleme von Lernen und Verdrängen, Flucht und Suche nach Identität drückten sich in der Haltung der neuen deutschen Linken gegenüber Israel am klarsten aus. Keine westliche Linke war vor 1967 so philosemitisch1 und prozionistisch. Vermutlich keine identifizierte sich in der Folge so stark mit der palästinensischen Sache. Was „Anti-Zionismus“ genannt wurde, war in Wirklichkeit so emotional und psychisch beladen, dass es weit über die Grenzen einer politischen und gesellschaftlichen Kritik am Zionismus hinausging. Das bloße Wort wurde so negativ besetzt wie Nazismus; und das in einem Land wo die Linke es besser hätte wissen müssen. Der Wendepunkt vom Philosemitismus zu jener Form des Anti-Zionismus war der Krieg 1967. Ich würde vermuten, dass hier ein Prozess psychologischer Umkehr stattfand, in dem die Juden als Sieger mit der Nazi-Vergangenheit identifiziert wurden – positiv mit der deutschen Rechten, negativ von der Linken. Die Opfer der Juden wurden umgekehrt als Juden identifiziert. Es ist in dieser Hinsicht bemerkenswert, dass der Auslöser für eine solche Wende NICHT die Vertreibung und das Leiden der Palästinenser war, das zudem schon lange vor 1967 begonnen hatte. Es war vielmehr der siegreiche „Blitzkrieg“ der Israelis. Der Philosemitismus offenbarte seine andere Seite: Wenn die Juden einerseits keine Opfer sind und deshalb integer und andererseits die Israelis brutal und rassistisch sind, dann müssen sie „Nazis“ sein. Nach der Schlacht von Karameh l968 erwiesen sich die Palästinenser zudem als die „besseren Juden“ – sie leisteten Widerstand. So war endlich eine Gelegenheit gegeben, sich mit den „Juden“ UND MIT IHREM WIDERSTAND zu identifizieren. Der Kampf gegen den Zionismus verwandelte sich in den langersehnten Kampf gegen die Nazi-Vergangenheit – BEFREIT VON SCHULD.

Diese Abfolge psychischer Verkehrung manifestierte sich am groteskesten 1976 in Entebbe. Ein Flugzeug der Air France war entführt und alle nicht-jüdischen Passagiere waren freigelassen worden. Die zurückgehaltenen Geiseln waren die jüdischen Passagiere. (Nicht einfach alle Israelis – was schlimm genug gewesen wäre.) Dieses „Selektionsverfahren“ wurde unter anderen von zwei jungen deutschen Linken vorgenommen, weniger als vierzig Jahre nach Auschwitz. Innerhalb der deutschen Neuen Linken gab es keine öffentliche Protestreaktion – geschweige denn einen allgemeinen Aufschrei.

„Lernen aus der Vergangenheit“ ist von einer Verwirklichung noch weit entfernt. Schuld hatte es abgeblockt, Unkenntnis es behindert und das überwältigende Bedürfnis nach unzweideutiger Identifikation hatten es schließlich verdrängt. Es ist sicherlich politisch vorteilhafter, dass die unmittelbaren Probleme, denen sich eine deutsche Linke gegenübersieht, viel mehr nur einem zunehmend autoritären technokratischen Kapitalismus zu tun haben, als mit Nazismus und Antisemitismus. Nichtsdestoweniger lastet die Vergangenheit zu schwer, als dass sie ignoriert werden könnte; der Versuch, die Vergangenheit beiseite zu schieben, um mit der Gegenwart fertig zu werden, hat nicht funktioniert. Die verdrängte Vergangenheit ist geblieben, hat ihre untergründige Arbeit fortgesetzt und dazu beigetragen, den Umgang mit der Gegenwart zu bestimmen.

Ein wichtiger Gesichtspunkt in der Konfrontation mit dieser Vergangenheit wäre der Versuch, sich mit der Beziehung von Antisemitismus und Nationalsozialismus auseinander zu setzen; zu versuchen, die Ausrottung des europäischen Judentums zu verstehen. Das kann solange nicht geschehen, wie Antisemitismus als Beispiel für Rassismus SANS PHRASE verstanden wird, und der Nazismus nur unter der Form des Großen Kapitals und eines terroristischen bürokratischen Polizeistaates begriffen wird. Auschwitz, Chelmo, Majdanek. Sobibor und Treblinka dürfen nicht außerhalb der Analyse des Nationalsozialismus behandelt werden. Sie stellen einen seiner logischen Endpunkte dar, nicht einfach eine seiner furchtbarsten Randerscheinungen. Keine Analyse des Nationalsozialismus, die nicht die Ausrottung des europäischen Judentums erklären kann, wird ihm gerecht.

Der erste Schritt muss eine ausführliche Beschreibung des Holocaust und des modernen Antisemitismus sein. Der Mangel ernsthafter und eindringlicher Überlegungen zum modernen Antisemitismus macht jeden Versuch, die Ausrottung des europäischen Judentums zu verstehen, unangemessen. Das ist keine Frage der Quantität, sei es der Zahl der Menschen, die ermordet worden sind, noch des Ausmaßes ihres Leidens. Es gibt zu viele historische Beispiele für Massen- und Völkermord (z.B. sind viel mehr Russen als Juden von den Nazis getötet worden). Die Frage zielt vielmehr auf die QUALITATIVE BESONDERHEIT. Bestimmte Aspekte der Ausrottung des europäischen Judentums bleiben so lange unerklärlich, wie der Antisemitismus als bloßes Beispiel für Vorurteil, Fremdenhass und Rassismus allgemein behandelt wird, als Beispiel für Sündenbockstrategien, deren Opfer auch sehr gut Mitglieder irgendeiner anderen Gruppe hätten gewesen sein können.
Charakteristisch für den „Holocaust“ war der verhältnismäßig geringe Anteil an Emotion und unmittelbarem Hass (im Gegensatz zu Pogromen z.B.); zudem fehlte jeder Missionsgeist und, was das wichtigste ist: Holocaust war offensichtlich nicht funktional. Die Ausrottung der Juden war kein Mittel zu einem anderen Zweck. Sie wurden nicht aus militärischen Gründen ausgerottet oder um gewaltsam Land zu nehmen (wie bei den amerikanischen Indianern und den Tasmaniern); auch nicht, um jene Teile der Bevölkerung auszulöschen, um die herum sich am leichtesten Widerstand hätte kristallisieren können, so dass der Rest als Heloten2 besser ausgebeutet werden könnte. Dies war übrigens der Grund der Nazipolitik gegenüber den Polen und Russen. Es gab auch kein anderes „äußeres“ Ziel. Die Ausrottung der Juden musste nicht nur total sein, sondern war sich selbst Zweck – Ausrollung um der Ausrottung willen – ein Zweck, der absolute Priorität beanspruchte.

Eine funktionalistische Erklärung des Massenmordes und eine Sündenbock-Theorie des Antisemitismus können nicht einmal im Ansatz erklären, warum in den letzten Kriegsjahren, als die deutsche Wehrmacht von der Roten Armee überrollt wurde, ein bedeutender Teil des rollenden Materials für den Transport der Juden zu den Gaskammern benutzt wurde und nicht für die logistische Unterstützung des Heeres.

Ist die QUALITATIVE BESONDERHEIT der Ausrottung des europäischen Judentums einmal erkannt, wird klar. dass Erklärungsversuche, die sich auf Kapitalismus, Rassismus, Bürokratie, sexuelle Unterdrückung oder die autoritäre Persönlichkeit stützen, viel zu allgemein bleiben. Die Besonderheit des Holocaust erfordert eine viel spezifischere Vermittlung, um sie wenigstens im Ansatz zu verstehen.

Die Ausrottung des europäischen Judentums steht natürlich in Beziehung zum Antisemitismus. Die Besonderheit des ersteren muss auf den letzteren bezogen werden. Darüber hinaus muss der moderne Antisemitismus in Hinblick auf den Nazismus als Bewegung verstanden werden – eine Bewegung, die in der Sprache ihres eigenen Selbstverständnisses eine Revolte darstellte.

Der moderne Antisemitismus, der nicht mit dem täglichen anti-jüdischen Vorurteil verwechselt werden darf, ist eine Ideologie, eine Form des Denkens, die in Europa im späteren neunzehnten Jahrhundert auftrat. Sein Auftreten setzt Jahrhunderte früherer Formen des Antisemitismus voraus. Antisemitismus ist immer ein integraler Teil der christlich-westlichen Zivilisation gewesen. Allen Formen des Antisemitismus ist gemeinsam, dass den Juden ein Machtmonopol zugeschrieben wird: die Macht Gott zu töten, die Beulenpest loszulassen oder, in jüngerer Zeit, Kapitalismus und Sozialismus herbeizuführen. Mit anderen Worten: Das Denken ist stark manichäisch3; die Juden spielen darin die Rolle der Kinder der Finsternis.

Nicht nur das bloße Potential, sondern auch die Qualität der den Juden beigelegten Macht unterscheidet den Antisemitismus von anderen Formen des Rassismus. Vermutlich schreiben alle Formen des Rassismus den anderen potentielle Macht zu. Diese Macht ist gewöhnlich aber konkret-materiell und sexuell die Macht des „Untermenschen“. Die den Juden zugeschriebene Macht ist nicht nur viel größer und im Gegensatz zu potentieller ‚wirklich‘, sie ist ganz anders. Im modernen Antisemitismus ist sie eigenartig unfassbar, abstrakt und allgemein. Diese Macht erscheint gewöhnlich nicht als solche, sondern muss ein konkretes Gefäß, einen Träger, eine Ausdrucksweise finden. Weil diese Macht nicht konkret gebunden ist, nicht „verwurzelt“ ist, wird sie als ungeheuer groß und schwer kontrollierbar empfunden. Sie steht hinter den Erscheinungen, ist aber nicht identisch mit ihnen. Ihre Quelle ist daher verborgen – konspirativ. Die Juden stehen für eine ungeheuer machtvolle, unfassbare internationale Verschwörung (…)

Der moderne Antisemitismus ist dadurch gekennzeichnet, dass die Juden für die geheime Kraft hinter jenen ‚offenbaren‘ Widersachern gehalten werden: dem plutokratischen Kapitalismus und dem Sozialismus. „Das Internationale Judentum“ wird darüber hinaus als das empfunden, was hinter der „vulgären“ modernen Kultur steht und allgemein formuliert, hinter all jenen Kräften, die zum Niedergang der traditionellen Werte und Institutionen beitragen. Für den modernen Antisemitismus ist also nicht nur sein säkularer Inhalt charakteristisch, sondern auch sein „systematischer“ Charakter. Er beansprucht, die Welt zu erklären.

Diese deskriptive Bestimmung des modernen Antisemitismus ist zwar notwendig, um diese Form von Vorurteil oder Rassismus im allgemeinen zu unterscheiden; sie kann jedoch als solche noch nicht die innere Beziehung zum Nationalsozialismus aufzeigen. Die Absicht also, die übliche Trennung zwischen einer sozioökonomischen Analyse des Nazismus und einer Untersuchung des Antisemitismus zu überwinden, ist auf dieser Ebene noch nicht erfüllt. Es bedarf einer ERKLÄRUNG des oben beschriebenen Antisemitismus, die fähig ist, beides zu vermitteln. Sie muss sich historisch auf die gleichen Kategorien stützen, die zur Erklärung des Nationalsozialismus schlechthin angewandt werden konnten. Es ist nicht die Intention, die sozialpsychologischen oder psychoanalytischen Erklärungen zu negieren, sondern vielmehr ein historisch-erkenntnistheoretisches Beziehungsgefüge zu erläutern, innerhalb dessen weitere psychologische Spezifizierung stattfinden kann. Fehlt ein solcher Rahmen, bleiben alle anderen Erklärungsversuche, die sich um Subjektivität zentrieren, historisch unspezifisch. Es bedarf also einer Erklärung in Form einer materialistischen Erkenntnistheorie. Ausgang einer solchen Erklärung wird Marx‘ Begriff des Fetischs sein. den er nur in bezug auf die Ware entwickelt hat. Diesem Begriff liegt Marx‘ Analyse der Ware, des Geldes und des Kapitals als gesellschaftliche Formen und NICHT bloß ökonomischen Begriffen zugrunde. In seiner Analyse erscheinen die kapitalistischen Formen gesellschaftlicher Beziehungen nicht als solche, sondern sie drücken sich in vergegenständlichter Form aus. Diese vergegenständlichten Formen gesellschaftlicher Beziehungen führen, als Ausdruck von Entfremdung, ein verselbständigtes Dasein und bestimmen rückwirkend sowohl gesellschaftliches Handeln als auch gesellschaftliches Denken. Die Ware als Form ist z.B. eine Kategorie, die gleichzeitig bestimmte gesellschaftliche Beziehungen und Denkformen ausdrückt. Diese Interpretation unterscheidet sich sehr von der Hauptrichtung marxistischer Tradition, in der die Kategorien als abgeleitete Bestimmungen einer „ökonomischen Basis“ begriffen werden und das Denken als Überbauphänomen aufgefasst wird, das sich aus Klasseninteressen und -bedürfnissen ableitet. Diese Form des Funktionalismus kann, wie oben ausgeführt, die Nicht-Funktionalität der Ausrottung der Juden nicht angemessen erklären. Allgemein formuliert: es wird nicht erklärt, warum eine bestimmte Denkform, die sehr wohl im Interesse bestimmter Klassen und anderer gesellschaftlicher Gruppen liegen kann, eben diesen und keinen anderen Inhalt hat. Dasselbe trifft auch auf die aufklärerische Definition von Ideologie (und Religion) als Produkt bewusster Manipulation zu. Der weit verbreitete Glaube an eine bestimmte Ideologie impliziert, dass sie eine Resonanz4 besitzen muss, deren Ursprung zu erklären ist. Andererseits steht der Marxsche Ansatz, der von Lukács, der Frankfurter Schule und Sohn-Rethel weiterentwickelt wurde, jenen Variationen traditionellen Marxismus entgegen, die ihrerseits jeden ernsthaften Versuch der historischen Erklärung von Denkformen aufgegeben haben.
Eine vollständige Darstellung des Problems von Antisemitismus würde über die Grenzen dieses Aufsatzes hinausgehen. Es kommt hier jedoch darauf an aufzuzeigen, dass eine sorgfältige Untersuchung der modernen antisemitischen Weltanschauung sich als eine Form des Denkens enthüllt, in dem die rasche Entwicklung des industriellen Kapitalismus mit allen ihren gesellschaftlichen Folgen im Juden personifiziert und mit ihm identifiziert wurde. Das heißt, dass die Juden nicht nur als Geldeigentümer betrachtet, sondern für wirtschaftliche Krisen verantwortlich gemacht und mit der gesellschaftlichen Umstrukturierung und Verschiebung identifiziert wurden, die mit der raschen Industrialisierung einhergingen: explosionsartige Verstädterung, Verfall der traditionellen gesellschaftlichen Klassen und Schichten, das Auftauchen eines starken, immer besser organisierten Proletariats usw.

Es kann sich hier nur um eine erste Annäherung an den Gegenstand handeln. Dieser Versuch ist weder erkenntnistheoretisch begründet, noch kann er erklären, warum in einer Periode der beschleunigten Industrialisierung nicht das industrielle Kapital mit den Juden identifiziert und Objekt antisemitischer Angriffe wurde.

Genau an diesem Punkt müssen wir uns dem Fetischbegriff zuwenden. Die Merkmale der den Juden vom modernen Antisemitismus zugeschriebenen Macht – Abstraktheit, Nicht-Fassbarkeit, Universalität, Mobilität – sind alles Merkmale der Wertseite. Diese Dimension erscheint niemals als solche, vielmehr immer in der Form eines stofflichen Trägers. Der Träger. z.B. die Ware, hat insofern „Doppelcharakter“: Wert und Gebrauchswert. Die Wertform macht es jedoch erforderlich, dass der Doppelcharakter sich entäußert – in diesem Fall als Geld und als Ware. Das Resultat dieser Entäußerung besteht darin, dass die Ware, obwohl sie eine gesellschaftliche Form ist, als rein gegenständlich und „dinglich“ erscheint, während das Geld sich als Manifestation des bloß Abstrakten, als die „Wurzeln allen Übels“ darstellt und nicht als die entäußerte Erscheinungsform der Wertseite der Ware selbst. Proudhon. der in diesem Sinne als einer der geistigen Vorläufer des modernen Antisemitismus angesehen werden kann, meinte daher, dass die Abschaffung des Geldes – der erscheinenden Vermittlung – genügen würde, um die kapitalistischen Beziehungen abzuschaffen. Er hat nicht gesehen, dass der Kapitalismus durch vermittelte gesellschaftliche Beziehungen charakterisiert ist, die in den kategorialen Formen vergegenständlicht sind: Geld ist nur ein Ausdruck dieser Beziehungen, nicht deren Ursache. Anders ausgedrückt: Proudhon verwechselt die Erscheinungsform – Geld als die Vergegenständlichung des Abstrakten – mit dem Wesen des Kapitalismus: einem spezifischen System gesellschaftlicher Beziehungen, die miteinander vermittelt sind, aber nicht als solche erscheinen, sondern als abstraktes Moment an stofflichen Formen.

Ein Aspekt des Fetisch besteht nun darin, dass kapitalistische gesellschaftliche Beziehungen sich selbst als widersprüchlich, als Gegensatz von Abstraktem und Konkretem darstellen. Beide Seiten des Widerspruchs sind darüber hinaus quasi-natürlich: die abstrakte Dimension erscheint in der Form von „objektiven Naturgesetzen“, die konkrete als rein „dingliche“ Natur. Die Struktur entfremdeter gesellschaftlicher Beziehungen, die den Kapitalismus kennzeichnet besitzt die Form eines quasi-natürlichen Gegensatzes, in dem Gesellschaftliches und Historisches nicht mehr erscheinen. Dieser Gegensatz wird in der Opposition zwischen positiven und romantischen Denkformen theoretisch wieder aufgenommen.

Formen antikapitalistischen Denkens, die innerhalb der Unmittelbarkeit dieses Widerspruchs verfangen bleiben, tendieren dazu. den Kapitalismus nur unter der Form der Erscheinungen, der abstrakten Seite des Widerspruchs wahrzunehmen. Die bestehende konkrete Seite wird ihr dann als das „Natürliche“ oder ontologisch Menschliche positiv entgegengesetzt. Daher wird, wie bei Proudhon, konkrete Arbeit als das nichtkapitalistische Moment verstanden, das der Abstraktheit des Geldes entgegengesetzt ist. Dass die konkrete Arbeit selbst durch die kapitalistischen gesellschaftlichen Beziehungen material geformt ist, wird nicht mehr gesehen.

Mit der weiteren Entwicklung der Kapitalform und ihres begleitenden Fetisch wird die Naturalisierung, die dem Warenfetisch innewohnt, zunehmend biologisiert. Organische Prozesse beginnen die mechanischen Analogien als die Form des Fetischs zu verdrängen. Ich will diesen Gesichtspunkt des Kapitalfetischs hier nicht entwickeln. Es genügt festzustellen, dass der „Doppelcharakter“ auf der logischen Ebene der Ware konkrete Arbeit als ontologische5 Tätigkeit erscheinen lässt und nicht als Tätigkeit, die durch gesellschaftliche Beziehungen material geformt ist; er lässt die Ware als rein stoffliches Ding erscheinen und nicht als die Vergegenständlichung vermittelter gesellschaftlicher Beziehungen. Auf der logischen Ebene des Kapitals lässt dieser ‚Doppelcharakter‘ die industrielle Produktion als rein gegenständlichen schöpferischen Prozess erscheinen, der vom Kapital ablösbar ist. Das industrielle Kapital stellt sich also als die lineare Fortsetzung der „natürlichen“ handwerklichen Arbeit dar, im Gegensatz zum „parasitären“ Finanzkapital. In diesem Sinne steht die biologische Interpretation der kapitalbestimmten konkreten Dimension, die dem Kapitalismus entgegengesetzt ist, nicht im Widerspruch zu einer Verklärung des industriellen Kapitals. Beide befinden sich auf der „dinglichen“ Seite des Widerspruchs.

(…) Die positive Hervorhebung von „Natur“, Blut, Boden, konkreter Arbeit und Gemeinschaft darf also nicht als anachronistisch, als Ausdruck historischer Ungleichzeitigkeit verstanden werden. Vielmehr ist die Vorstellung, dass das Konkrete „natürlich“ sei selbst das Ergebnis der Entwicklung des industriellen Kapitals, ein Ausdruck seines widersprüchlichen Fetisch.

Genau diese Hypostasierung6 des Konkreten und die Identifikation des Kapitals mit dem erscheinenden Abstrakten macht diese Ideologie der Entwicklung des Kapitals so funktional. Die nationalsozialistische Ideologie fungierte aber nicht nur aus dem auf der Hand liegenden Grund im Interesse des Kapitals, als dass sie extrem antimarxistisch war und die Nazis die Organisationen der deutschen Arbeiterklasse zerstörten. Sie beförderte auch als Denkform im Übergang vom Liberalen zum Quasi-Staatskapitalismus die Interessen des Kapitals insoweit, als sich die Identifikation des Kapitals mit dem erscheinenden Abstrakten überschneidet und teilweise eine Identifikation mit dem Markt hervorruft. Diese Form des Antikapitalismus erscheint daher nur so, als ob sie sehnsüchtig rückwärts gewandt ist. Als Ausdruck des Kapitalfetischs geht ihr wirklicher Vorstoß nach vorne: Sie ist in einer strukturell krisenhaften Situation ein Hilfsmittel im Übergang zum Quasi-Staatskapitalismus. Diese Form des Antikapitalismus beruht also auf dem einseitigen Angriff auf das Abstrakte. Dieses Denken begreift nicht, dass das Abstrakte und das Konkrete gemeinsam einen Widerspruch konstituieren, wobei die wirkliche Überwindung des Abstrakten – der Wertseite – die historische Überwindung des Widerspruchs selbst sowie jedes seiner Seiten einschließt. Anstatt dessen gibt es nur einen einseitigen Angriff auf die abstrakte Vernunft, das abstrakte Recht oder, auf anderer Ebene, auf das Geld- und Finanzkapital.

Dieser Angriff jedoch bleibt nicht auf den Angriff gegen die Abstraktion beschränkt. Selbst die abstrakte Seite erscheint vergegenständlicht. Auf der Ebene des Kapitalfetischs ist es nicht nur die konkrete Seite des Widerspruchs, die naturalisiert und biologisiert wird. Auch die erscheinende abstrakte Seite wird biologisiert – als Juden. Der Gegensatz zwischen dem konkret Gegenständlichen und dem Abstrakten findet sich im Bild des rassischen Gegensatzes zwischen Ariern und Juden. Der moderne Antisemitismus schließt eine Biologisierung des Kapitalismus ein, der selbst nur unter der Form der erscheinenden Abstraktion, als internationales Judentum, verstanden wird. Die antikapitalistische Revolte ist auch eine Revolte gegen die Juden. Die Überwindung des Kapitalismus und seiner negativen Auswirkungen wird mit der Überwindung des Judentums verbunden.

Diese Interpretation des modernen Antisemitismus ist nicht ganz identisch mit solchen Theorien, wie die Horkheimers, die sich auf die Identifikation der Juden mit der Zirkulationssphäre konzentrieren. Eine solche Sichtweise kann nicht die Vorstellung erklären, dass die Juden die Macht hinter der Sozialdemokratie oder dem Kommunismus bilden. Sie ist auch nicht mit jenen Theorien identisch, die den Antisemitismus als Revolte gegen Modernität sehen, denn „das Moderne“ würde sicherlich das industrielle Kapital mit einschließen, das bekanntermaßen eben gerade nicht Gegenstand antisemitischer Angriffe war. In meiner Interpretation ist die Identifikation des Juden mit dem Kapitalismus zentral, der wegen seiner fetischistischen Form sich als das erscheinende Abstrakte darstellt, aber der umgekehrt für die ganze Reihe konkreter gesellschaftlicher und kultureller Veränderungen, die mit der schnellen Industrialisierung verbunden sind, verantwortlich gemacht wird.

Obwohl die innere Verbindung zwischen jener Art des „Antikapitalismus“, der den Nationalsozialismus beeinflusste und dem Antisemitismus gezeigt worden ist, bleibt die Frage offen, warum die biologische Interpretation der abstrakten Seite des Kapitalismus sich an den Juden festmacht.

Diese „Wahl“ war innerhalb des europäischen Kontextes keineswegs zufällig. Die Juden hätten durch keine andere Gruppe ersetzt werden können. Dafür gibt es vielfältige Gründe. Die lange Geschichte des Antisemitismus in Europa und die damit verbundene Assoziation der Juden mit Geld ist wohlbekannt. Die Periode der schnellen Expansion des industriellen Kapitals im letzten Drittel des neunzehnten Jahrhunderts fiel mit der politischen und gesellschaftlichen Emanzipation der Juden in Mitteleuropa zusammen. Die Zahl der Juden an den Universitäten, in den freien Berufen, im Journalismus, den schönen Künsten, im Einzelhandel nahm immer schneller zu – d.h. die Juden wurden in der bürgerlichen Gesellschaft rasch aufgenommen, besonders in Sphären und Berufen, die sich gerade ausweiteten und die traditionellerweise mit der neuen Form verbunden waren, die die Gesellschaft gerade annahm. Man könnte viele andere Faktoren berücksichtigen. Einen möchte ich hervorheben: Ebenso wie die Ware, als gesellschaftliche Form, ihren „Doppelcharakter“ in dem entäußerten Gegensatz zwischen dem Abstrakten (Geld) und dem Konkreten (der Ware) ausdrückt, so ist die bourgeoise Gesellschaft durch die Trennung von (politischem) Staat und (bürgerlicher) Gesellschaft charakterisiert. Im Individuum stellt sie sich als Trennung zwischen Staatsbürger und (Privat-)Person dar. Als Staatsbürger ist das Individuum abstrakt. Das drückt sich zum Beispiel in der Vorstellung von der Gleichheit aller vor dem (abstrakten) Gesetz (zumindest in der Theorie) aus oder in der frühbürgerlichen Forderung „eine Person, eine Stimme“. Als eine (Privat-)Person ist das Individuum konkret, eingebettet in reale Klassenbeziehungen, die als „privat“ angenommen werden; das heißt, sie betreffen die bürgerliche Gesellschaft (im Gegensatz zum Staat) und sollen keinen politischen Ausdruck finden. In Europa war jedoch die Vorstellung von der Nation als einem rein politischen Wesen, abstrahiert aus der Substantialität der bürgerlichen Gesellschaft, nie vollständig verwirklicht. Die Nation war nicht nur eine politische Entität7, sie war auch konkret durch eine gemeinsame Sprache, Geschichte, Traditionen und Religion bestimmt. In diesem Sinne erfüllten die Juden im Verlauf ihrer politischen Emanzipation in Europa als einzige Gruppe die Bestimmung von Staatsbürgerschaft als rein politischer Abstraktion. Sie waren deutsche oder französische Staatsbürger aber keine richtigen Deutschen oder Franzosen. Sie gehörten abstrakt zur Nation, aber nur selten konkret. Sie waren außerdem noch Staatsbürger der meisten europäischen Länder. Diese Realität der Abstraktheit, die nicht nur die Wertdimension in ihrer Unmittelbarkeit kennzeichnet, sondern auch mittelbar den bürgerlichen Staat und das Recht, wurde genau mit den Juden identifiziert. In einer Periode, in der das Konkrete gegenüber dem Abstrakten, dem ‚Kapitalismus‘ und dem bürgerlichen Staat verklärt wurde, entstand daraus eine fatale Verbindung: Die Juden waren wurzellos, international und abstrakt angesehen.

Der moderne Antisemitismus ist also eine besonders gefährliche Form des Fetischs. Seine Macht und Gefahr liegt darin, dass er eine umfassende Weltanschauung liefert, die verschiedenen Arten antikapitalistischer Unzufriedenheit in einer Weise scheinbar erklärt und ihnen politischen Ausdruck verleiht. Er lässt den Kapitalismus aber dahingehend bestehen, als er nur die Personifizierung jener gesellschaftlichen Form angreift. Ein sich so darstellender Antisemitismus ist ein wesentliches Moment des Nazismus als verkürzte antikapitalistische Bewegung. Für ihn ist der Hass auf das Abstrakte charakteristisch. Seine Hypostasierung des existierenden Konkreten mündet in einer einmütigen, grausamen – aber nicht notwendig hasserfüllten Mission: Die Erlösung der Welt von der Quelle allen Übels in Gestalt der Juden.

Die Ausrottung des europäischen Judentums ist ein Anzeichen dafür, dass es viel zu einfach ist, den Nazismus als eine Massenbewegung mit antikapitalistischen Obertönen zu bewerten, die diese Hülse 1934 („Röhm-Putsch“) abwarf, nachdem sie erst einmal ihren Zweck erreicht hatte und sich in Form staatlicher Macht gefestigt hatte. Zum einen sind ideologische Formen nicht einfach Bewusstseinsmanipulationen. Und zum anderen missversteht diese Auffassung das Wesen des „Antikapitalismus“ der Nazis – das Ausmaß, in dem es der antisemitischen Weltanschauung innerlich verbunden war. Es stimmt, dass auf den etwas zu konkreten und plebejischen „Antikapitalismus“ der SA 1934 verzichtet werden konnte; jedoch nicht auf den antisemitischen Angriff- die „Erkenntnis“, dass die Quelle allen Übels das Abstrakte ist – der Jude. Und die Folgen:
 

Eine kapitalistische Fabrik ist ein Ort, an dem Wert produziert wird, der „unglücklicherweise“ die Form der Produktion von Gutem annehmen muss. Das Konkrete wird als der notwendige Träger des Abstrakten produziert. Die Ausrottungslager waren demgegenüber keine entsetzliche Version einer solchen Fabrik, sondern müssen eher als ihre groteske arische „antikapitalistische“ Negation gesehen werden, Auschwitz war eine Fabrik zur „Vernichtung des Werts“, d.h. zur Vernichtung der Personifizierungen des Abstrakten. Sie hatte die Organisation eines teuflischen industriellen Prozesses mit dem Ziel, das Konkrete vom Abstrakten zu „befreien“. Der erste Schritt dazu war die Entmenschlichung, das heißt, die „Maske“ der Menschlichkeit wegzureißen und die Juden als das zu zeigen, was „sie wirklich sind“, Schatten, Ziffern, Abstraktionen. Der zweite Schritt war dann, diese Abstraktheit auszurotten, sie in Rauch zu verwandeln, jedoch noch zu versuchen, dem Prozess die letzten Reste des konkreten gegenständlichen „Gebrauchswerts“ abzugewinnen: Kleider, Gold. Haare, Seife.

Auschwitz, nicht 1933, war die wirkliche „Deutsche Revolution“ – die wirkliche Schein-„Umwälzung“ der bestehenden Gesellschaftsformation. Diese Tat sollte die Welt vor der Tyrannei des Abstrakten bewahren. In diesem Prozess jedoch „befreiten“ die Nazis sich selbst von ihrer Menschlichkeit.

Die Nazis verloren den Krieg gegen die Sowjetunion, Amerika und Großbritannien. Sie gewannen ihren Krieg, ihre „Revolution“ gegen das europäische Judentum. Sie ermordeten nicht nur sechs Millionen jüdische Kinder, Frauen und Männer. Es ist ihnen gelungen, eine Kultur zu zerstören – eine sehr alte Kultur – die des europäischen Judentums. Diese Kultur war durch eine Tradition gekennzeichnet, die eine komplizierte Spannung von Besonderheit und Allgemeinheit in sich vereinigte. Diese innere Spannung wurde als äußere in der Beziehung der Juden zu ihrer christlichen Umgebung verdoppelt. Die Juden waren niemals völlig Teil der größeren Gesellschaften, in denen sie lebten; sie waren auch niemals völlig außerhalb dieser Gesellschaften. Die Auswirkungen dessen waren für die Juden häufig verheerend. Manchmal waren sie auch sehr fruchtbar. Dieses Spannungsfeld sedimentierte sich im Zuge der Emanzipation in den meisten jüdischen Individuen. Die schließliche Lösung dieser Spannung zwischen Besonderem und Allgemeinem ist in der jüdischen Tradition eine Funktion der Zeit – die Ankunft des Messias. Vielleicht jedoch hätte das europäische Judentum angesichts der Säkularisierung und Assimilation jene Spannung aufgegeben. Vielleicht wäre jene Kultur schrittweise als lebendige Tradition verschwunden, bevor die Erlösung des Besonderen und des Allgemeinen verwirklicht worden wäre. Diese Frage wird niemals beantwortet werden können.

„Lernen aus der Vergangenheit“ muss die Lektion des Antisemitismus, des verkürzten „Antikapitalismus“, einschließen. Es wäre ein schwerwiegender Kurzschluss, wenn die Linke den Kapitalismus nur über die Form der abstrakten Dimension des Kapitalwiderspruchs wahrnehmen würde, handelt es sich dabei um die Form der technokratischen Herrschaft oder die der abstrakten Vernunft. Ebenso ist mehr als Vorsicht gegenüber solchen Erscheinungen geboten, die sich in Gestalt z.B. „neuer“ Psychotherapieformen hüllt, die das Gefühl in Gegensatz zum Denken stellen. Gleiches gilt für biologisierende Auffassungen hinsichtlich des gesellschaftlichen Problems der Ökologie. Jeder „Antikapitalismus“, der die unmittelbare Negation des Abstrakten versucht und das Konkrete verklärt – anstatt praktische und theoretische Überlegungen darüber anzustellen, was die historische Überwindung von beiden bedeutend könnte – kann angesichts des Kapitals bestenfalls gesellschaftlich unwirksam bleiben. Schlimmstenfalls wird es jedoch politisch gefährlich; selbst dann, wenn die Bedürfnisse, die der „Antikapitalismus“ ausdrückt, als emanzipatorische interpretiert werden können.
 

Die Linke machte einmal den Fehler, zu denken, dass sie ein Monopol auf Antikapitalismus hätte oder umgekehrt, dass alle Formen des Antikapitalismus zumindest potentiell fortschrittlich seien. Dieser Fehler war verhängnisvoll, nicht zuletzt für die Linke selbst.
 

Dieser Artikel wurde von Moishe Postone ursprünglich für die New German Critique geschrieben, also für ein amerikanisches Publikum. Im hier gekürzten ersten Teil erläutert er diesem Publikum die Wirkungen der TV-Ausstrahlung des amerikanischen Spielfilms „Holocaust“ und die Reaktionen der bundesdeutschen Öffentlichkeit im Jahre 1978, die offenbarten, dass „Millionen Deutscher tatsächlich davon gewusst hatten“. aber die Vernichtung der europäischen Juden durch den NS-Staat verdrängt und in einer „Art kollektiver Somnambulismus (…) ihren Weg durch den Kalten Krieg, durch das ‚Wirtschaftswunder; durch das Wiederauftauchen von Politik während der Studentenbewegung“ gegangen waren.
Übersetzung von Renate Schumacher

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